Goldeneye

Some like it light

James Bond is back – und ein ziemlich netter Kerl

Wir sind auf dem Friedhof der Dinosaurier, Erinnerung im Dunkel von Petersburg, ein Totentanz. Und wie ein scheuer Vogel der Nacht umkreist die Kamera all die Toten, die Büsten und Statuen, die Devotionalien einer verfallenen Religion, der ihr Grund abhanden kam. Lauter Lenins, lauter wirklich kalte Krieger. Und da steht ein wirklicher Mann, zögernd, als wüßte er nicht recht, ob diese kalte Müllhalde des Krieges der Ort seiner finalen Entsorgung wird. Und er wird sich, wie wir, vor den zerbrochenen Altaren fragen, wofür er noch lohnte, der Krieg. Für England? Zum Rest des Beitrags »

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Die letzte Kriegerin

Gemacht aus nichts als Kraft

Es war einmal eine Frau, die kam aus der Stadt und hatte ihre Sprache verloren und ihren Mann. Da nahm sie ihr Piano und ihre Tochter und fuhr über das Meer. Drüben, in der Wildnis, kämpfte sie mit den Männern um das Piano Zum Rest des Beitrags »

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Nell

Hunger nach der tiefen Stille

Jodie Foster ist großartig und enttäuschend

Der Mann hält eine Tüte Popcorn in der Hand, die Frau streckt verlangend die Hand. Sie hat Angst, den schützenden Bann ihrer Hütte zu verlassen und der Mann steht lockend im Freien. Da hält es Nell nicht mehr aus, zögernd folgt sie dem süßen Locken der Zivilisation und tritt erstmals unter den hellen Himmel des Tages. “Jetzt kann sie ins Kino gehen.” sagt Jerome lachend. Dabei hat sie es nie verlassen.

Ihr Name ist Jodie Foster und sie ist eine der besten Filmschauspielerinnen der Gegenwart. Sie hat, 32 Jahre alt, zwei Oscars gewonnen und könnte die erste Frau der Filmgeschichte werden, die den Dreifachen schafft. Dieser Film ist ihr erster Anlauf dazu. Sie hat eine eigene Produktionsfirma gegründet, ihr Name war gut für dreistellige Millionenbeträge ohne Auflagen. Die Rollen derer, die anders sind, die reinen, unbefleckten Toren, das sind die Figuren für Schauspieler, die die ganz Hohe Schule reiten. Dustin Hoffman war ein wunderbarer Rain Man, Tom Hanks wird, wenn es rechtens zugeht, den Oscar als Forrest Gump erhalten, Holly Hunter erhielt ihn am “Piano”. Und Jodie Foster? Sie ist nominiert und womöglich wird sie gewinnen, nur: Dieser Oscar würde eine Klasse tiefer vergeben.

Es ist die zeitlos faszinierende Geschichte des wilden Kindes, Kaspar Hauser und Tarzan sind Facetten des gleichen Problems: Wie entwickelt sich ein Mensch unter Ausschluß der Öffentlichkeit, der Zivilisation? Ist die fehlende Verfügbarkeit einer tradierten Sprache gleichbedeutend mit dem Verlust der Denkfähigkeit? Zudem, in einer Gesellschaft, deren menschliche Berührungsräume gefährdet scheinen durch die wachsende Dominanz ihrer globalen Kommunikationstechnologien, wird das Berufen archaischer Formen des Lebens zunehmend zum sehnsuchtsvollen Gegenentwurf des Bestehenden.

Wie Nell.

Die lebt tief im Walde, spricht eine Sprache, die nur noch ihre Mutter und die Zwilligsschwester sprachen. Jerome Lovell, der wackere Landarzt und Paula Olsen, die (zunächst) kühle Psychologin tragen den Streit aus, ob Nell das Recht habe, ihr Leben zu leben oder die Gesellschaft in der Pflicht sei, das wilde Kind zu sozialisieren. Sie haben drei Monate Zeit – dann wird das Gericht – entscheiden – die Frau zu beobachten, Vertrauen zu schaffen. Der Arzt baut sein Zelt im Walde, die Psychologin macht das Hausboot fest.

Ein mythisch wallendes Blau liegt über dem nächtlichen See, Dämpfe wabern hinauf, der Wald ist verhangen von freundlicher Dunkelheit und die geheimen Zauberwinde wehen. Am Ufer steht eine Frau und legt sich in den Wind, ihre Silhouette markiert sich gegen das blaue Licht. Sie breitet die Arme aus, sie legt den Kopf zurück und blickt mit geschlossenen Augen nach Hause. Es ist wie eine rituelle Beschwörung, ein Vorgang jenseits unserer Welt. Es ist ein wunderschönes Bild. Und als ich das gerade empfinde, da sagt der Mann am Ufer, wie schön es sei, und dazu macht er die bewundernden Augen, die ich machen soll.

Das ist das Problem.

Jodie Foster ist eine wunderbare Schauspielerin, sie verfügt über eine Art von kühlem Perfektionismus, den sie nicht ablegen kann. Das war lasziv in “Taxi Driver”, das war schön in “Sommersby” und es war faszinierend als die Lämmer schwiegen. Hier ist es störend. Sie nicht annährend so gut wie Holly Hunter, wie es Dustin Hoffman und Tom Hanks in vergleichbaren Rollen waren, was meint: So glaubwürdig, so an die, Pardon, Seele rührend. Nell, das ist eine hochtrainierte, virtuose Kunstleistung, der sich wohl niemand gänzlich zu entziehen vermag: Aber es bleiben artifizielle Nummern, denen Szene und Licht, das Ensemble und Michael Apted (“Gorillas im Nebel”) die Rahmenbedingungen schaffen, auch das Buch ist so geschrieben. Es bleibt, trotz Liam Neeson, der Spielbergs Schindler war, ein Team mit der Aufgabe, den Star zu rahmen. So ist, was um Nell herum geschieht, von professioneller Routiniertheit. Nie entläßt Nell mich aus der Situation des Kunst-Voyeurs und nie ermöglicht sie mir, die Seele treiben zu lassen.

Jodie Foster bleibt eine Nummer, eine sehr gute, aber: Eine Nummer, nicht Nell. Viele empfinden das anders, der Film führt die deutschen Kinocharts. Am Ende eine Gerichtsszene, sehr gut, sehr unglaubwürdig, die Zusammenfassung. “Ihr hungert nach der Stille” sagt Nell in ihrer Sprache.

So ist es, indessen, wir bekamen nur Kino.

Autor: Henryk Goldberg

Text geschrieben März 1995

Text: veröffentlicht in Thüringer Allgemeine

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Mary Shelley’s Frankenstein

Der Schöpfung ein Stück näher

Branagh beweist, dass Shelley nicht Shakespeare ist

Der Mann rast, fleht, schreit, brennt, er rührt, sägt, näht, tobt. Der Widerschein des Feuers flackert auf seiner Brust, der klebrige Schleim der Schöpfung rinnt herab. “Lebe” rast er mit verzweifelter Anmaßung, “lebe!”. Es ist der Schauspieler Branagh der hier sein Geschöpf ins Leben schreien will. Zum Rest des Beitrags »

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Die Feuerzangenbowle

DIE FEUERZANGENBOWLE, am 28. Februar 1944 in Berlin uraufgeführt, wurde zum Lieblingsfilm mehrerer Generationen

Der Krieg war verloren, die Städte lagen in Trümmern, die materielle und moralische Katastrophe war offenkundig, als ein Film entstand, der noch heute als kleines Meisterwerk zeitlos heiteren Eskapismus’ gilt, des idealen, unschuldigen kleinen Deutschen Heinz Rühmann „liebstes Werk” und ein Amüsement noch für die Generation des Wirtschaftswunders und darüber hinaus. Schon die Vorlage, Heinrich Spoerls Roman „Die Feuerzangenbowle”, gehört zu den mehr oder weniger unsterblichen Werken der deutschen Unterhaltungsliteratur. Zum Rest des Beitrags »

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Mario und der Zauberer

Der Magier im Dorfzirkus

Brandauer verfehlt Thomas Mann

Der Mann sitzt hoch oben auf der Leiter, ein unrasierter Assozialer wohl, ein Alkoholiker gewiß, weiß der Himmel, wie er hinauf kam. Er dirigiert das Mädchen und den Mann unten auf dem Marktplatz, die eine ungelenke Vorstellung geben, zwei vom Rummelplatz. Es ist der Zauberer Cipollo, Zum Rest des Beitrags »

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Le Comiche

Die Sehnsucht des Drachens nach dem Ritter

Drei neue Filme aus Italien:

II Portaborse, Pensavo fosse amore invece era un calesse, Le Comiche

Wie funktioniert Demokratie? Gewiss nicht so, wie sie zu funktionieren vorgibt. Vielleicht ist sie nur die Vermischung von Elementen der Diktatur und solchen der Anarchie. Jedenfalls scheint die Demokratie in Italien so zu funktionieren. Sie wäre nicht auszuhalten, geschähe nicht gelegentlich ein Wunder. Und geschieht es nicht, so muss es eben vollbracht werden — oder erfunden. Zum Rest des Beitrags »

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Crossroads

Schon die Frage, was der Blues sei, ist falsch gestellt. Es gibt unzählige Arten von Blues (unzählige Arten, den Blues zu haben und unzählige Arten, den Blues zu spielen). Der Blues hat eine Geschichte, von Afrika bis zum Drum-Synthesizer; die Frage nach seiner „Echtheit” ist deswegen keine ästhetische, sondern eine politische. Damit erübrigt sich auch die besserwisserische Frage, ob Quarkärsche den Blues spielen können oder nicht. Sie wird auch meistens von studierten Quarkärschen mit einem Bücherbord voller akademischer Blues-Bücher und mindestens vier Dutzend ausgesprochen rarer Blues-Platten, also von Menschen wie Du und Ich, gestellt. Ein Stück Diebstahl ist immer dabei, das gehört zur Geschichte des Blues. Jeder kann über die Straße gehen, aber niemand kann so tun, als wäre er auf der anderen Seite geboren. Zum Rest des Beitrags »

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Der stählerne Adler

Das Kino stirbt. Es hat uns viele Tode zu bieten. Einer davon ist ein scheinbares Weiterleben in Produkten wie diesem. Der amerikanische Kinoimperialismus beschert uns seit geraumer Zeit eine Ware, der man nicht mehr die Ehre antun kann, sie als den gewohnten reaktionären Teil der Unterhaltungsindustrie zu deuten. Es ist vielmehr die reine, unverhohlene, kriegshetzerische, rassistische und bei alledem strohdumme aber mythisch reibungsfreie Propaganda. Zum Rest des Beitrags »

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