Die Zeiten ändern dich
von Ralf Bönt in Gesellschaft am 20. November 2010
Kritik am Feminismus alter Schule ist richtig
Es ist viele viele Jahre her, ich war noch sehr jung, als heftig über das Quorum debattiert wurde: Die Beteiligung von Frauen an hohen Ämtern per Quote, also über Qualifikation per Geschlecht. Dafür sprach natürlich, dass man Frauen beteiligt sehen wollte und nicht glaubte, es anders hinzubekommen. Dagegen sprach, dass diese Frauen in ihren Ämtern nicht ernst genommen würden, denn sie säßen dann schließlich nur als Alibi auf ihren Stühlen. Man würde die Frauen belächeln und der Sache einen Bärendienst erweisen. Ich erinnere mich gut an eine Talkshow mit Alice Schwarzer. Auf die Frage, ob sie nun für oder gegen das Quorum sei, sagte sie, sie sei dafür, könne selbst aber nie eine Quotenfrau sein. Man kann sinnieren, ob diese Haltung von Frau Schwarzer den Frauen mehr oder weniger schadete als das Quorum. Mein Interesse für die Kollegin hatte damit jedenfalls sein frühes Ende gefunden, und vielen Männern ging es mit ihr genauso, meist freilich aus weniger filigranen Gründen. Sie hat immer alles getan, um die Männer gegen sich zu haben.
Text: Ralf Bönt
auf der website von Ralf Bönt können Sie weiterlesen www.boent.eu
ShareHaut den Feminismus!
von Ines Kappert in Gesellschaft, Leben am 20. November 2010
Der Feminismus, er ist einfach nicht tot zu kriegen. Und das, wo alle Welt unverzagt auf ihn einschlägt, sei es um seine Unwichtigkeit zu konstatieren, sei es um (Alt-)Feministinnen für verbleibende Geschlechterungerechtigkeiten schuldig zu sprechen. Gemeinhin obliegt es der Frau, ihn symbolisch zu schlachten, also klarzustellen, dass sie selbstredend selbstständig, gleichwohl durchaus keine Feministin, mithin weiblich, körperbetont, humorvoll und männerfreundlich sei.
Die Diffamierung der Feministin gehört unkaputtbar ins Repertoire der deutschen Frau, die sich auf der Höhe der Zeit sieht und belegfrei signalisieren will: Ich hab das Leben, die Männer, selbst meine Zukunft im Griff. Und es gibt noch einen Grund, warum die Widersacher des Feminismus nicht von ihm lassen können. Zu sehr hängt ihre Vorstellung von Weiblichkeit und Männlichkeit vom Feindbild der lila Latzhose ab. Sie haben keinen positiven Entwurf. Zum Rest des Beitrags »
ShareDer Mittelklasse-Intellektuelle und seine Schreckfiguren
von Georg Seeßlen in Gesellschaft am 20. November 2010
Gutmensch, Media-Proll, Realo und Apokalyptiker
Wahrlich, wir leben in prekären Zeiten. Ringsum nichts als Katastrophen-Szenarios und ein Volk von Fernsehern und Bild-Lesern. Dazwischen haben wir uns als Haltung verordnet: Coolness. Doch der Mittelklasse-Intellektuelle wie du und ich kennt vier Schreckfiguren, die dieses Prinzip erheblich infrage stellen. Vier Figuren, die wir Mittelklasse-Intellektuelle eigentlich hassen wie die Pest. Zum Rest des Beitrags »
ShareKeine Experimente
von Ingo Arend in Gesellschaft am 18. November 2010
In Berlin trafen sich Hans Kollhoff und Vittorio Lampugnani. Ein neuer „Berliner Architekturstreit“ ist nicht dabei herausgekommen
Investitionsarchitektur. Wer vor drei Monaten die Zeitung aufschlug, traute seinen Augen nicht. Was war bloß in Hans Kollhoff gefahren, dass er derart gegen die Gegenwartsarchitektur wetterte? Okay – an manchen Stellen sieht Berlin inzwischen schon mehr wie die Hauptstadt der Allianz – als die der Deutschland-AG aus. Aber firmiert die schlechte Kopie der Fantasiearchitektur von Gotham City mit den angeklebten Backsteinen, die der architektonische Polarisierer 1999 an den Potsdamer Platz stellen und als Beitrag zur „Europäischen Stadt“ ausgeben durfte, neuerdings unter sozialer Wohnungsbau? Zum Rest des Beitrags »
ShareHaar-Gel statt Bildung
von Georg Seeßlen in Gesellschaft am 16. November 2010
Der Kapitalismus und die Postdemokratie geraten auch deswegen aus den Fugen, weil der Bürger auf seine innere Legitimation verzichtet hat: Bildung, Kultur und Reflexion. Ein “gebildeter Bürger” würde niemals auf die Idee kommen, man müsse sich mit Thilo Sarrazins “Buch” auseinandersetzen; es würde ein wenig Aristoteles genügen, ein paar Sätze Hobbes, von Heinrich Heine gar nicht zu reden, um nach drei, vier Seiten zu erkennen: Hier wird weder “gedacht” noch “argumentiert”.
Brutale Bildungsbürger
Nein, wir haben es nicht vergessen: Auch und gerade deutsche Bildungsbürger sind mit fliegenden Blättern zu Hitler gelaufen; das humanistische Gymnasium hat nichts gegen die Unmenschlichkeit gehabt. Bildung hat noch niemanden davor bewahrt, politisch und ökonomisch eine echte Sau zu sein. Deswegen geht es bei der Beobachtung des Bildungs- und Kulturverlustes der bürgerlichen Klasse in Deutschland nur am Rande um nostalgische Wehmut (okay, dass die Bibliotheken verkommen und die Unis zu hirnlosen Karrieremaschinen werden, das tut schon weh) und schon gar nicht um die Verteidigung irgendwelcher Werte. Es geht schlicht um einen politischen Diskurswechsel in der Mitte der Gesellschaft. Es geht um den Zerfall der Klasse, die wir gestern noch als “herrschende” missverstanden haben. Zum Rest des Beitrags »
ShareDie Arroganz der Macht
von Georg Seeßlen in Gesellschaft am 16. November 2010
Die Tapferkeit der Protestierenden kränkt die Politiker tief
Revolutionen, hieß es einst bei den Marxisten, sind die Lokomotiven der Geschichte. Oh nein, antwortete Walter Benjamin, Revolutionen sind die Notbremsen. Da geht es darum, nicht in den Abgrund zu rasen, und wehe dem Volk, das den richtigen Zeitpunkt verpasst, diese Notbremse zu ziehen.
Hat man’s in kleinerer Münze als Revolte, als Einspruch, als Demonstration, als zivilen Widerstand, als öffentliche Kritik, dann sind die beiden Grundpositionen auch nicht viel anders: Geht es darum, die Demokratie demokratischer zu machen und den Kapitalismus menschlicher? Oder geht es darum, zur Notbremse zu greifen, da unser Staat – aber die Staaten in der Nachbarschaft scheinen da ganz ähnlich nicht mehr zu funktionieren – dazu übergegangen ist, seine Bürger zu enteignen und zu entmündigen? Zum Rest des Beitrags »
ShareDie Granden der Linkssozialdemokratie entdecken den „Politischen Menschen“
von Ingo Arend in Gesellschaft am 16. November 2010
Das geht an den Kern des Systems
Nehmen wir Roland Koch. Elf Jahre war der CDU-Mann Ministerpräsident von Hessen. Bis er in diesem Sommer urplötzlich zurücktrat. Um dann, keine zwei Monate später, in das Unternehmen Bilfinger Berger zu wechseln. Im Sommer 2011 wird Koch, lange Zeit der harte Mann der Union, die Führung des zweitgrößten deutschen Baukonzerns übernehmen. Und obendrein noch den deutschen Aufsichtsrat der größten Schweizer Bank UBS.
Das Beispiel des rechten Frontmannes ist nicht der einzige Fall, bei dem der Soziologe Oskar Negt vergangenen Freitag etwas ins Schleudern kam. Auf den ersten Blick wirkt Kochs Switchen zwischen Politik und Wirtschaft wie der Bilderbuchbeleg für Negts These, dass jene „betriebswirtschaftliche Rationalität“ in die Politik Einzug gehalten hat, die sie von innen aushöhlt und nur noch nach Effizienz statt nach Gemeinwohl fragt. Beim 36. Akademiegespräch der Berliner Akademie der Künste wiederholte der Adorno-Schüler das Mantra, das er seit dem Erscheinen seines neuen Buches „Der politische Mensch“ landauf, landab lanciert, einmal mehr. Zum Rest des Beitrags »
ShareMichel Houellebecq (Ich habe einen Traum: Neue Interventionen)
von Walter van Rossum in Gesellschaft, Leben am 12. November 2010
In der ersten seiner „Interventionen“ erläutert Michel Houellebecq das Kernproblem der Pädophilie: „So wie die Sexualökonomie derzeit beschaffen ist, hat ein reifer Mann zwar Lust auf Sex, doch er hat weder mehr die Möglichkeit, Sex zu haben, noch das Recht. So gesehen ist es nicht besonders erstaunlich, wenn er sich an dem einzigen Wesen vergreift, das ihm keinen Widerstand entgegenzusetzen vermag: dem Kind.“
Beim zweiten Text handelt es sich um ein Nachwort zum alten Männerhaß-Manifest von Valerie Solanas. Kurzerhand ergreift Houellebecq die Gelegenheit, endlich die Bilanz des real existierenden Feminismus zu ziehen: „Die unendliche Arbeit der Domestizierung, welche die Frauen in den vergangenen Jahrtausenden geleistet haben, um den primitiven Hang des Mannes zu Gewalttätigkeit, Fickerei, Sauferei und Glücksspiel zu unterdrücken und aus ihm eine des Soziallebens halbwegs fähige Kreatur zu machen, wurde innerhalb einer Generation zunichte gemacht.“
Im dritten Beitrag portraitiert der französische Schriftsteller den amerikanischen Pop-Sänger Neil Young in Grund und Boden. Das vierte Kapitel bietet ein Interview, in dem Houellebecq seine berühmte Äußerung, der Islam sei die dümmste aller Religionen noch einmal bekräftigt – und ergänzt: „Die meisten guten Autoren der Vergangenheit von Spinoza bis hin zu Lévi-Strauss – sind zu dem gleichen Schluss gekommen.“ Eigentlich überflüssig zu ergänzen, dass weder Spinoza noch Lévi-Strauss je solchen Unfug von sich gegeben haben. Zum Rest des Beitrags »
ShareBetrug mit dem Holocaust-Fonds
von Henryk Goldberg in Gesellschaft, Leben am 11. November 2010
Die Kraft der Toten
Ausgerechnet. Es gibt kein anderes historisches Ereignis, das von den Nachgeborenen ein solches Maß an Respekt und Demut einfordert. Und deshalb gibt es auch nichts Vergleichbares, das eine solche moralische Unangreifbarkeit in sich selbst benötigt als eine Art Schutzschild gegenüber den Anwürfen derer, die diesen Respekt und diese Demut verweigern. Dieser Schutzschild wurde jetzt beschädigt. Zum Rest des Beitrags »
ShareDreizehn Anmerkungen zum „Sturm und Drang“
von Georg Seeßlen in Gesellschaft, Kritik, Literatur am 10. November 2010
Empfindsame Kraftkerle, unterwegs zwischen Selbstmord & Klassik
# 1
So wie es ist, kann es nicht weiter gehen, aber so geht es weiter. Ein Leben nach der Regel ist das Leben nicht wert, und ein Leben gegen die Regel kostet oft das Leben. In der Pubertät ahnt man das, und in der Literatur, die man als Pubertät der deutschen Klassik angesehen hat, und die den Namen „Sturm und Drang“ erhielt, hat man heftige Worte dafür gefunden. Von den großen Autoren des Sturm und Drang blieb indes nur einer „forever punk“ (und ging daran zugrunde): Jakob Michael Reinhold Lenz. 1773 schimpfte er’s heraus.
„Wir werden geboren – unsere Eltern geben uns Brot und Kleid – unsere Lehrer drücken in unser Hirn Worte, Sprachen, Wissenschaften – irgendein artiges Mädchen drückt in unser Herz den Wunsch, es eigen zu besitzen, es in unsere Arme als unser Eigentum zu schließen, wenn sich nicht gar ein tierisch Bedürfnis mit hineinmischt – es entsteht eine Lücke in der Republik wo wir hineinpassen – unsere Freunde, Verwandte, Gönner setzen an und stoßen uns glücklich hinein – wir drehen uns eine Zeitlang in diesem Platz herum wie die andern Räder und stoßen und treiben – bis wir wenn’s noch so ordentlich geht abgestumpft sind und zuletzt wieder einem neuen Rade Platz machen müssen – das ist, meine Herren, ohne Ruhm zu melden unsere Biographie – und was bleibt nun der Mensch noch anders als eine vorzüglich künstliche kleine Maschine, die in die große Maschine, die wir Welt, Weltbegebenheiten, Weltläufe nennen besser oder schlimmer hineinpasst“.
Anpassen, funktionieren, tüchtig sein, wieder verschwinden. So ist es vernünftig, aber das darf so nicht alles gewesen sein, und so bleibt nur: handeln. Irgendwas tun, um sich zu spüren. But what can a poor boy do, cept play in a Rock’n’Roll Band? Zum Rest des Beitrags »
ShareDas Ruhrgebiet – das leere Herz der Republik?
von Michael André in Film, Gesellschaft, Kritik am 9. November 2010
Eine Fallstudie anhand von zwei Filmen und zwei Figuren: „Allein“ und „Aufforderung zum Tanz“ – Hier Lavinia Wilsons Maria und dort Marius Müller-Westernhagen als Theo – Aus Anlass eines Filmfestivals im Grimme-Institut
Zugegeben, der erste Anruf war irritierend. Das Grimme-Institut wollte einen von mir betreuten, sechs Jahre alten WDR-Debütfilm über eine an Borderline erkrankte junge Frau im Rahmen seines Festivals „Tour de Ruhr“ (26.10. bis 30.10.2010) in Marl zeigen, allein als typischen Ruhrgebiets-Film in die lange Fernseh-Traditionsreihe von „Rote Fahnen sieht man besser“ (1971) über „Die Pawlaks“ (1982), „Rote Erde“ (1983), dem Götz-George-Tatort „Moltke“ (1988) stellen. Auf diese Idee wäre ich kaum gekommen. Zwar hat Regisseur Thomas Durchschlag seinen ersten Langfilm ausschließlich in Essen gedreht, aber ist ein Persönlichkeits-Drama um eine Studentin, die sich selbst verstümmelt und mit dieser masochistischen Geste stumm nach Hilfe schreit, deswegen schon ein Ruhrgebietsfilm? Zum Rest des Beitrags »
ShareDer Text und das Eigentum. Über die Zukunft des Urheberrechts (Ein Manuskript von Jörg Magenau)
von Jörg Magenau in Gesellschaft am 8. November 2010
Über die Nutzungsrechte von Texten im Internet wird heftig gestritten.
Nicht zuletzt die Plagiatsdebatte um Helene Hegemann in diesem Frühjahr hat gezeigt, wie sehr die Maßstäbe sich bereits verschoben haben. Der jungen Generation, die mit der allgegenwärtigen Verfügbarkeit von Texten im Netz aufgewachsen ist, erscheint das bürgerliche Urheberrecht als alter Hut, der nicht mehr so recht passen will.
Wenn es keine Originale mehr gibt, sondern nur noch „Echtheit“, wie Hegemann unschuldig versicherte, kann es dann überhaupt noch Plagiate geben? Und wenn die französische Philosophie mit Roland Barthes und Michel Foucault schon vor Jahrzehnten den „Autor“ abgeschafft hat – was ist dann noch „geistiges Eigentum”? Zum Rest des Beitrags »
Tempelhofer Freiheit. Zum urbanen Leben passt auch Leere
von Ingo Arend in Gesellschaft im November 2010
Tempelhof heute: Himmel, Himmel, Himmel, Horizont, soweit das Auge reicht –
der Nazi-Kleiderbügel von Flughafen ist weit weg
Exerzierplatz des Kaiserreichs, Landeplatz der ersten Zeppeline, Luftkreuz des Dritten Reiches, Drehkreuz des Kalten Krieges. Nach vierzig Jahren stellte der Flughafen Tempelhof endgültig seinen Betrieb ein. Das dahinter liegende Tempelhofer Feld, jene riesige urbane Sackgasse zwischen Kreuzberg, Tempelhof und Neukölln, wandelte sich in einen öffentlichen Park, und tausende Berliner strömten im vergangenen Mai zur Eröffnung in den Südosten der Stadt. So viel Mythos bekommt man nicht alle Tage zu sehen.
Dass die anfängliche Begeisterung nicht abebbte, hat seinen Grund. Denn über dem Tempelhofer Feld ist der Himmel über Berlin nicht mehr bloß die sprichwörtliche Metapher. Er ist eine überwältigende Liveerfahrung. Das Tempelhofer Feld wirkt wie eine Installation von James Turrell in der Wüste von Arizona: Himmel, Weite, Firmament. Vergiss den Kiez, den Müll und den Tod. Hier locken 389 Hektar öffentliches Grün, und das mitten in einer Millionenstadt. Zum Rest des Beitrags »
ShareGUTTIS FÜR ALLE!
von Georg Seeßlen in Gesellschaft am 7. November 2010

Wikipedia: Als Schnösel wird umgangssprachlich ein arroganter Mensch, ein dummfrecher Bursche, bezeichnet. Als eingebildet und eitel, dabei aber übersättigt und gleichgültig wird dieser Typus beschrieben.
Jessas, was ist jetzt wieder mit denen los. Dauernd schimpfen sie nur über ihre Nachbarn. Lauter Ausländer, die sie ausgrenzen wollen und nix lernen wollen, mit Kopftüchern laufen die rum, da traut man sich ja abends gar nicht mehr auf die Straße. Aber das macht ja nichts, weil, man sieht ja auch im Fernsehen wie es ist auf der Welt. Heutigentags. Zum Rest des Beitrags »
ShareDie Türen zum öffentlichen Raum
von Florian Schwebel in Gesellschaft, Leben am 4. November 2010
Besonders interessant sind überall und immer die Unterhaltungen mit Stadtplanern und die mit Menschen, die für die Automobilindustrie arbeiten. Wer für die Automobilindustrie an pfiffigen Ideen für eine bessere Zukunft schmiedet, beispielsweise an Katalysatoren oder neuen Sicherheitssystemen, scheint offenbar vor dem Problem zu stehen, dass die jedes halbe Jahr wieder völlig für die Katz sind, denn neue Autos sind schon wieder auf neuem Niveau; größer, böser und gefährlicher. Und angeblich wünschen sich die Autofirmen nichts mehr, als strenge neue bundesweite Gesetze, vor allem zum Tempolimit, die sie aus diesem Teufelskreis erlösen, und die sie vor ihren Shareholdern als Argument benutzen können, kleinere, bessere und ungefährlichere Autos zu bauen. Zum Rest des Beitrags »
SharePreisselbeersauce
von Florian Schwebel in Gesellschaft am 31. Oktober 2010
Haßloch, es heißt wirklich so, ist eine kleine Stadt unweit von Mannheim. Sie wartet mit zwei Besonderheiten auf: besonders schnellen und steilen Achterbahnen und sonst unbekannten Lebensmitteln im Supermarkt. Die Achterbahnen sind Teil des „Holiday Park“, eines Themenparks, der einst aus einem charmant verschnarchten Märchenpark hervorging, das obligatorische Maskottchen ist hier ein schmutziggrüner Papagei mit gelber Baseballkappe. Über die Superlative wird heftig gestritten, aber im „Holiday Park“ stehen zumindest zwei der rasantesten und größten Achterbahnen der Welt, Höhepunkte der Ingenieurtechnik, und die Betreiber bieten auch therapeutische Kurse gegen Achterbahnangst an, deren Abschluss eine vergnügliche Fahrt ist (Achterbahnangst beeinträchtigt sicher massiv das Alltagsleben vieler Menschen). Obwohl der „Holiday Park“ sich also reichlich müht, ist die spannendere Parallelwelt die Stadt selber. Denn in Haßloch werden unauffällig Produkte getestet, bevor sie im Rest des Landes die Läden erreichen. Zum Rest des Beitrags »
ShareIntegration? – Nein danke.
von Andrea Roedig in Gesellschaft am 31. Oktober 2010
Die Forderung nach Anpassung ist eine unmögliche Zumutung – für In- wie Ausländer.
Aus Deutschland kommen gern mal zackige Töne. Auch in der Diskussion um das umstrittene Buch von Thilo Sarrazin „Deutschland schafft sich ab“ waren sie wieder zu hören. „Integrationsleistungen erbringen“, „Integrationsdefizit“, „mangelnder Integrationswille“, das klingt nach bürokratisch-militärischem Regiment, und auch wenn man im Nachbarland – ebenfalls sehr deutsch – den Makel des unhaltbaren Sarrazin schnell wieder wegputzte, bleibt der Ton zurück und breitet sich aus. Da heißt es dann schon mal in Zeitungsüberschriften forsch: „Wer sich nicht integriert, muss gehen.“ Zum Rest des Beitrags »
ShareAcht Jahre mit dem Priester
von Andrea Roedig in Gesellschaft, Leben am 29. Oktober 2010
Wenn Lars vom Kaffeetisch aufsteht, nimmt er immer schon Geschirr mit zur Spüle. Wenn etwas fehlt springt er hoch, wenn ein Gang zu tun ist, ist er sofort dabei, wenn man vor ihm steht mit zwei Tragetaschen, hat er Sekunden später eine davon in der Hand. Er kann nicht anders. Er ist ein Helfer, wie unter Strom. „Allzeit bereit“, sagt ein alter Pfadfinderspruch. So schnell wie er handelt, so schnell redet Lars auch, im badischen Dialekt, er liebt Klatsch und Tratsch und Opern, er lacht gerne. Die Augen aber sind klein, ein wenig müde, und die Mimik wirkt straff, als habe sich alle Lebendigkeit schon in den Bewegungen des Körpers erschöpft.
Lars ist heute 54, Krankenpfleger im süddeutschen Raum, und er hat eine Jugendgeschichte, die nach Sensation klingt oder einfach nach Tristesse: Zum Rest des Beitrags »
ShareVom Schmerz zur Erlösung
von Andrea Roedig in Gesellschaft, Leben am 29. Oktober 2010
„Ich denke an die heilig gesprochene Afrikanerin Guiseppina Bakhita. Mit neun Jahren wurde sie von Sklavenhändlern entführt, blutig geschlagen und fünfmal auf den Sklavenmärkten im Sudan verkauft. Sie wurde täglich bis aufs Blut gegeißelt, wovon ihr lebenslang 144 Narben verblieben,“ so schreibt es Papst Benedikt XVI. in seiner Enzyklika Spe salvi. Erschienen ist diese Schrift über die christliche Hoffnung im Jahr 2007, und natürlich geht die Geschichte weiter, denn Bakhita lernte schließlich „nach so schrecklichen Patronen einen ganz anderen Patron kennen … den lebendigen Gott, den Gott Jesu Christi. … dieser Patron hatte selbst das Schicksal des Geschlagenwerdens auf sich genommen und wartete nun ‚zur Rechten des Vaters’ auf sie.“ Fortan lebte Bakhita in Hoffnung und Liebe, widerstand ihren weltlichen Kerkermeistern, trat in einen Orden ein und missionierte in der Welt.
Papst Benedikt XVI. ist nicht irgendein Katholik, und man darf die Fabeln, die er zur Veranschaulichung seiner Lehren wählt, nicht auf die ganze katholische Christenheit hochrechnen. Doch die Geschichte, die in der Enzyklika so rührend erzählt wird, sagt einiges über katholisches Körperverständnis aus, und sie erklärt vielleicht auch etwas über die bislang übliche Haltung der Kirche zu ihren dunklen „Sexskandalen“, Zum Rest des Beitrags »
ShareKein Prophet in Sicht
von Fahimeh Farsaie in Gesellschaft am 28. Oktober 2010
„Die Dichter in meinem Land sind Propheten“, sagte einmal der bedeutendste Dichter Irans Ahmad Shamlou (1925-2000). Der bekannteste Schriftsteller des Landes, Houshang Golshiri (1938-2000), sprach einmal von seiner Stellung in der Literaturszene Irans so: „Ich bin der Vali e faghih der Literatur“. (Velayat e faghih bedeutet im politischen System Irans „Herrschaft des Gelehrten“ und Vali e faghih ist der mächtigste Gelehrte, der über alles bestimmt.)
Diese religiös anmutenden Aussagen von zwei atheistischen Intellektuellen zeigen, (abgesehen von deren Ansprüchen), wie tief sich derzeitig die iranische Gesellschaft mit den schiitischen Glauben verbunden fühlt. Darin hatte die Islamische Republik Irans mehr als 30 Jahre investiert und an dessen Verbreitung intensiv gearbeitet. Das prägt die Kulturlandschaft des Landes heute immer noch. Zum Rest des Beitrags »
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