Die drei Musketiere (Paul S.W. Anderson)
von Henryk Goldberg in Film, Filmspiegel, Kolumnen & Blogs, Kritik am 5. September 2011
Viel Spaß, viel Schauwert und wenig Mitgefühl - Die drei Musketiere im neuen Gewand
Immer diese Schlampe. Mylady verfolgt uns nun schon seit unserer Jugend und seit damals hassen wir sie von Herzen und warteten bang, ob es der liebreizenden Constance doch einmal gelingen möge, der Schlampe zu entkommen. Dieses Mal gelingt es, und die Schlampe ist gar nicht so schlimm. Allerdings, wenn sie D’Artagnans Liebste wiederum gemeuchelt hätte, es würde uns weniger betroffen haben als vor Zeiten. Und das ist vielleicht ein kleines Problem dieser im Übrigen sehr unterhaltsamen und teuren deutschen Produktion. Zum Rest des Beitrags »
ShareCairo Time (Ruba Nadda)
von Peter Claus in Film, Filmwissen, Kolumnen & Blogs, Kritik am 31. August 2011
Frau im Urlaub. Mehr oder weniger allein. In Ägypten. Kann das gut gehen? – Das ist nicht die einzige Frage, die dieser Spielfilm aufwirft, doch es ist die, die das Geschehen ankurbelt. Juliette kommt aus Kanada. Und, klar, Kairo ist verlockend. Der Gatte, Mark, nämlich hat zu tun. Tareq aber, der weltgewandte Kaffeehausbesitzer, hat Lust auf Juliette…
Bei Lichte besehen ist die Story ein rechtes Ärgernis, gerade jetzt, da die gesellschaftlichen Vor- und Rückschritte in Ägypten wichtiger sind als alle Exotik und Erotik. Sind sie wirklich wichtiger? Für den Einzelnen, für die Einzelne? Wer auf dem brodelnden Vulkan lebt, tanzt fröhlich weiter und kriegt von den historischen Entwicklungen gar nichts mit. Insofern verfliegt der Ärger denn doch recht schnell.
Orient und Okzident nicht auf Konfrontation, sondern auf Wolke sieben. Warum eigentlich nicht?! Schad nur, dass gen Ende die inszenatorische Delikatesse, die bis dahin vorherrscht, zugunsten von Schmachtfetzerei aufgegeben wurde. Bis dahin darf man in einem herrlich fotografierten Kairo spazieren gehen und
sich ab besonderen Schlag von im Liebestakt schlagenden Herzen erfreuen. Klingt kitschig? Ist es auch. Aber auf eine Art, die einfach Spaß macht.
Den Film dominiert die prachtvolle Patricia Clarkson als Juliette. Sie gibt der Chefradakteurin eines Hochglanzmagazins Charakter, Seele und eine wahrlich bezaubernde Zickigkeit. Clarkson, immer mal großartig in Nebenrollen, viel zu selten als leading lady eingesetzt, darf hier ihr ganzes Können breit entfalten. Das tut sie mit Wonne. Und die überträgt sich sofort auf den Zuschauer. Die kanadisch-syrische Regisseurin Ruba Nadda tat gut daran, sich ganz auf Clarkson zu verlassen. Immer dann nämlich, wenn es droht doch einmal viel zu dicke zu werden, sorgt die mit nonchalanter Ironie für den richtigen Kick.
Am Ende der Erzählung gibt es übrigens mehrere Enden. Je nach Gemüt darf man/ frau sich aussuchen, was da wer nun eigentlich denkt/ fühlt/ erlebt. Freiheit des Fabulierens? Ich finde: Feigheit von Drehbuch und Regie vor wirklicher Zuspitzung. Schade. Aber dem eleganten Kino-Märchen von der Unmöglichkeit der Glückseligkeit tut das letztlich keinen Abbruch. Dank Patricia Clarkson!
Peter Claus
Cairo Time, Ruba Nadda (Kanada/Irland/Ägypten 2009)
Bilder: Alamode Film/Filmagentinnen
ShareDie drei Musketiere (Paul S.W. Anderson)
von Peter Claus in Film, Filmspiegel, Kolumnen & Blogs, Kritik am 31. August 2011
Die -xte Verfilmung des berühmten Abenteuerromans – die bisher wohl überflüssigste. Viel Tricktechnik, noch mehr Kriegsgerassel, dafür keine Figurenzeichnung, kein Charme, kein Witz. 17. Jahrhundert. Das, was die Mär von Athos, Porthos, Aramis und D’Artagnan im Roman und den bisherigen Leinwandadaptionen vor allem ausmacht, das Hohelied auf unverbrüchliche Freundschaft, fehlt völlig.
Immerhin: Die 3D-Technik wurde nicht inflationär eingebaut, sondern gezielt und damit geschickt. Ansonsten: Langeweile.
Peter Claus
The Three Musketeers, Paul S.W. Anderson (Frankreich/USA/Großbritannien/Deutschland 2011)
Bilder: Constantin Film
ShareGiulia geht abends nie aus (Guiseppe Piccioni)
von Peter Claus in Film, Filmspiegel, Kolumnen & Blogs, Kritik am 31. August 2011
Guido (Valerio Mustandrea), der Schriftsteller, will konzentriert arbeiten. Frau und Tochter lassen ihn allein. Nichts steht dem guten Vorsatz im Wege. Dann lernt er Giulia (Valeria Golino), die Schwimmlehrererin seiner Tochter, kennen. Und schon verändert sich sein Schreiben, wird er selbst ein neuer Mensch. Alles aus Liebe. Seine Frau versucht verzweifelt, ihn zurückzugewinnen. Doch die Chance dazu erscheint minimal.
Regisseur Guiseppe Piccioni hat zunächst den Mut zu stilistischer Originalität. Man wähnt sich in einem dunklen Märchen. Im Verlaufe des Geschehens jedoch konzentriert er sich mehr und mehr auf die Romanze und setzt dabei auf filmische Routine. Das schmälert das Vergnügen.
Die schönsten Momente des Films sind die, in denen die Figuren des Buches, an dem der Schriftsteller gerade arbeitet, lebendig werden. Das ist herrlich surreal und gibt der Geschichte von der Verrücktheit des Liebens den adäquaten, reizvollen Rahmen. Auch sonst gibt es manch überraschende Wendung. Das hält einen als Zuschauer bei Laune. Und dann ist da Valeria Golino, vor etwa zwanzig Jahren eine der Hoffnungen des italienischen Kinos. Ihre Darstellung wirkt wie das späte Einlösen dieser Hoffnungen. Nicht mehr blutjung aber noch immer von mädchenhaftem Charme verleiht sie der Figur der Giulia, die scheinbar von einem Geheimnis umgeben ist, eine große Anziehung. Wer Schauspielkunst von flirrender Intensität schätzt, wird durch Valeria Golino für alle Schwächen des Films reichlich entschädigt.
Peter Claus
Giulia geht abends nie aus, Guiseppe Piccioni (Italien 2009)
Bilder: Cine Global Filmverleih
ShareMario Levi: Wo wart ihr, als die Finsternis hereinbrach?
von Ingo Arend in Kritik, Literatur am 25. August 2011
Die linken Träume
Mario Levis Roman über das jüdische Istanbul nach dem Militärputsch von 1980
In den Musikläden Istanbuls gibt es eine CD-Edition mit dem Titel „Osman empire, empire of tolerance“. Es gehört einiger Euphemismus dazu, die große Kriegsmaschine des Osmanischen Reichs so zu adeln. Nur, weil die von ihm unterworfenen Völker darin eine gewisse Autonomie genossen. Dass sich die Edition trotzdem großer Beliebtheit erfreut, zeigt die Sehnsucht nach einer Türkei jenseits der nationalistischen Monokultur, die Atatürk dem Land 1923 verordnete.
Auf diesen traumatischen Punkt der türkischen Identität zielt der Roman des türkischen Schriftstellers Mario Levi. In „Wo wart ihr, als die Finsternis hereinbrach“ erzählt der Istanbuler von einer Freundesgruppe um den jüdischen Kaufmann Isak, die sich nach dem Putsch der Militärs 1980 aus den Augen verloren hat. Zum Rest des Beitrags »
ShareLollipop Monster (Ziska Riemann)
von Peter Claus in Film, Filmspiegel, Kolumnen & Blogs, Kritik am 24. August 2011
Der überdrehte Titel lässt Schlimmstes befürchten. Das tritt dann nicht ein. Doch eitel Freude will auch nicht aufkommen. Liebe, Hass und alles Mögliche an emotionalem Auf und Nieder wird hier wie in einem Grabbeltisch am Eingang zu einem Billigsupermarkt angeboten. Zwei Mädchen zwischen Kindheit und Erwachsensein auf der Suche nach sich selbst. That’s it. Das nicht gerade originelle Thema wird optisch durch viel Firlefanz aufgemotzt. Wahrhaftigkeit wird dadurch nicht erreicht.
Gedreht hat den Film die bildende Künstlerin Ziska Riemann. Ihr Gespür für Pop peppt den Film durchaus auf. Nur: Die Verpackung ist sehr viel attraktiver als der Inhalt. Das langweilt denn doch arg rasch. Da verfliegt die Freude an der stilistischen Originalität bald, macht erst Ratlosigkeit, dann sogar einigem Ärger Platz. Ärger, weil hier ein wichtiges Thema an gestalterische Eitelkeiten verraten wird.
Peter Claus
Lollipop Monster, Ziska Riemann (Deutschland 2011)
Bilder: Salzgeber & Co.
ShareFliegende Fische müssen ins Meer (Güzin Kar)
von Peter Claus in Film, Filmspiegel, Kolumnen & Blogs, Kritik am 24. August 2011
Mutti hat ‘ne Macke – und die Kinder knallen durch. Drei Gören sind es, alle sehr lieb, durchweg angenehm. Und die Frau Mama ist es ja eigentlich auch, wär‘ da nicht ihr Hang zu Sex, Suff und anderen nicht unbedingt kindgerechten Vergnügungen. Klar, dass Ärger programmiert ist.
Die Story ist etwas zu wild konstruiert, die Regie hingegen ein wenig zu zögerlich, doch Meret Becker als Muttertier ist schlichtweg grandios. Die Schauspielerin legt eine absolut sehenswerte Performance hin, denunziert diesen schrägen Vogel namens Roberta nie, polstert deren Ecken und Kanten jedoch ebenso wenig mit falscher Gefühligkeit ab. Damit hält sie den mitunter leider ein bisschen zu sehr ins Fantasieren abgleitenden Film in der Waage zwischen Realismus und Surrealismus. Großartig! Wer profunde Schauspielkunst genießen möchte, sollte sich Meret Becker unbedingt ansehen – und alles andere weitestgehend ignorieren. Wobei: Wer trotz etwas zu grob gestrickter Geschichte Lust hat, darauf zu achten, wie sie entwickelt wird, stellt erstaunt fest, mit welcher Ernsthaftigkeit hier – bei allem Hang zum Exzentrischen – über die Schwierigkeit des Erwachsenwerdens nachgedacht wird.
Peter Claus
Fliegende Fische müssen ins Meer, Güzin Kar (Deutschland / Schweiz 2010)
Bilder: Movienet/24 Bilder
ShareCowboys & Aliens (Jon Favreau)
von Peter Claus in Film, Filmspiegel, Kolumnen & Blogs, Kritik am 24. August 2011
Ein Typ wacht unter der gleißenden Sonne des Wilden Westens auf. Wer er ist, woher er kommt, wohin er will – er weiß es nicht. Andere halten sich für schlauer. Der Mann ohne Gedächtnis ist ein lang gesuchter Gangster. Also ab in den Käfig des Sheriffs. Da sitzt schon der blöde Sohn des Oberfieslings der Gegend, ein Rüpel schmutzigsten Wassers. Die zwei sollen ins nächstgrößte Gefängnis abtransportiert werden. Doch da greift der Himmel ein: Von dort aus nämlich greifen Aliens an. Und es sieht ganz danach aus, als stehe der Gangster, der ja vielleicht nur behauptet, von nichts und niemand eine Ahnung zu haben, irgendwie in Kontakt mit den Boten der Hölle. Kurz und logisch: Action ist angesagt.
Endlich mal eine originelle Idee: Außerirdische im Herzen des US-amerikanischen Mythos‘. Schräger geht’s kaum. Regisseur Jon Favreau hat mit Schmackes
inszeniert, seine Stars – Harrison Ford, Daniel Craig und TV-Circe Olivia Wilde spielen fröhlich zum Ulk der etwas gehobenen Art auf. Ein runder Spaß.
Trotzdem meckert die Mehrzahl der Kritiker. Da wird Innovation eingeklagt, wo ein solider Regie-Handwerker gar keine bieten will, sondern nichts als unbeschwert amüsieren. Der Film löst ein, was er verspricht. Dazu betört er auch noch mit dem Charme guter alter Hollywood-Schinken, in denen Männer noch Kerle sein durften und Frauen Weiber. Wenn er das dann sogar in einer übersinnlich-durchgeknallten Szene knallhart ironisch bricht, kriegt der Film für Momente sogar ein besonderes Format.
Nein, keine Filmkunst, aber handfester Kintopp wird geboten. Wer sich locker, ohne ein Übermaß an Computertricks (klar, ein paar gibt’s) und vor allem ohne die modischen ausufernden Gewaltdarstellungen amüsieren möchte, sitzt im richtigen Film.
Peter Claus
Cowboys & Aliens, Jon Favreau (USA 2011)
Bilder: Paramount Pictures
ShareJochen Schimmang: Neue Mitte / Simon Urban: Plan D
von Jörg Magenau in Kritik, Literatur am 24. August 2011
Mag sein, dass es im Jahr 2030 „TM5-Player“ geben wird, „Hype Pads“ und „Bing-Bings“. Zukunft ist ja zumeist nichts anders als die Verlängerung des Bekannten und der in der Gegenwart angelegten Möglichkeiten, jedenfalls in der Literatur. Zukunftsromane sind keine Prophezeiungen, Autoren keine Propheten. Sie benutzen die Zukunft bloß als Spiegel- und Spielfläche für ihre Fiktionen. Weil die Zukunft noch so leer und unbeschrieben ist, lassen sich in ihr die schönsten Gebäude der Phantasie errichten. Das geht einfacher, als das in Vergangenheit oder Gegenwart mit ihrer fester gefügten Realität möglich wäre. Zum Rest des Beitrags »
ShareFeridun Zaimoglu: Ruß
von Jörg Magenau in Kritik, Literatur am 23. August 2011
In diesem Roman kommt kein Türke vor. Das wäre nicht weiter erwähnenswert, wenn der Autor nicht Feridun Zaimoglu hieße, dessen Bücher von Anfang an, seit „Kanak Sprak“, mit den Themen Einwanderung, Integration und der gegenseitigen Durchdringung von westlicher und orientalischer Kultur zu tun hatten. Offenbar hat der in Kiel lebende Zaimoglu davon inzwischen genug und möchte endlich nichts anderes sein als alle anderen, die hierzulande schreiben: ein deutscher Schriftsteller. Ein Autor ist schließlich kein Sozialarbeiter, der dauerhaft auf bestimmte Problemthemen festzulegen wäre. Wenn sein neuer Roman „Ruß“ einen Kioskbetreiber aus Duisburg zum Helden hat, der zuerst nach Warschau in den mythenschweren Osten, dann ausgerechnet nach Salzburg, ins Mekka der Hochkultur, aufbricht, um den Mörder seiner Frau zu ermorden, dann ist das aber auch eine Antwort auf die ewige Integrationsdebatte. „Ruß“ zeugt von der erfolgreichen Integration Zaimoglus in die deutsche Literaturlandschaft. Zum Rest des Beitrags »
ShareDer Gang in die Nacht / Der Brennende Acker (Friedrich Wilhelm Murnau)
von Jutta Brückner in Film, Filmwissen, Kolumnen & Blogs, Kritik am 21. August 2011
Wenn man heute Filme von Murnau sieht, weiß man trotz neuer blendender Kopien nicht, ob dies nun die Originalfassungen sind. Ich habe den „Gang in die Nacht“ einmal ohne Untertitel gesehen in einer gekürzten Fassung und einmal mit Untertitel in einer längeren. Das war sehr erhellend, denn die gekürzte Fassung war wie das Röntgenbild der längeren: man sah das Skelett.
Der Film erzählt eine Dreiecksgeschichte. Eigil, ein aufstrebender Arzt, ist verlobt mit einer jungen Frau, Helene, für die er wenig Zeit hat. Sein Besuch bei ihr beginnt damit, dass er auf die Uhr sieht und, kaum hat sie den Raum betreten, wieder geht. Sie leidet schweigend und schreibt in ihr Tagebuch: „Ich kann Dir meine Leidenschaft nicht zeigen, weil ich Dich sonst von Deinem Weg abbringe.“ Aus Helenes Wortlosigkeit entspringt das Drama. In einer Variétévorstellung ist Eigil als einziger der Gesellschaft nicht beeindruckt von den Darbietungen einer Tänzerin, Lily, und das reizt diese, die sein Desinteresse durch ein Loch in einem Vorhang beobachtet. Dieser Blick der Frau auf den Mann setzt jetzt das Drama in Gang. In ihrem nächsten Tanz stellt Lily eine Blume dar, die sich entblättert. Dabei markiert sie einen Sturz und muss von der Bühne getragen werden. Man ruft nach einem Arzt, er kommt, versorgt sie. Wenn er den Knöchel betastet, führt sie seine Hand ihre Wade herauf, um zu zeigen: der Schmerz sitzt weiter oben. Das ist in diesem Moment sowohl eine Lüge wie die Wahrheit. Denn zwar gibt es keinen Schmerz, aber weiter oben sitzt ihr Verlangen. Lily fordert Eigil auf, ihr am nächsten Tag einen Krankenbesuch zu machen. Er verabschiedet sich. Sie hüpft ausgelassen wie ein Pierrot in einem Clownsmantel auf zwei gesunden Beinen in ihrer Garderobe herum. Während des Krankenbesuchs am nächsten Tag wird der Schwindel offenbar. Eigil weicht verstört vor Lilys Verführungsversuchen zurück und geht. Als er grübelnd zu Hause sitzt, erscheint Lily. Und in dem Verstörten bricht sich die Leidenschaft Bahn, die am Tag vorher entstanden war. Er bittet seine Verlobte, ihn freizugeben. Sie leidet stumm und verbrennt seine Briefe im Kamin. Zum Rest des Beitrags »
ShareCaptain America (Joe Johnston)
von Georg Seeßlen in Film, Filmspiegel, Filmwissen, Gesellschaft, Kolumnen & Blogs, Kritik am 19. August 2011
Der Captain für die Kids
Postironischen Popcorn-Patriotismus von Joe Johnston. Mit 3-D-Effekten und ohne Skepsis gegenüber Amerika und seinen Helden.
Dies ist der Kino-Sommer der Superhelden aus den großen amerikanischen Comic-Häusern DC und Marvel. Und wie der Verlierer an den Kinokassen – der etwas bräsige “Green Lantern” von DC – so scheint nun auch der Sieger festzustehen: der No-Nonsense-Held “Captain America”. In den 40er Jahren durfte er Nazis vermöbeln und für Kriegsanleihen werben und in den 60er Jahren seine Wiederauferstehung bei Marvel erleben, unter anderem als nicht unumstrittener Anführer des Superhelden-Teams “Avengers”. Captain America war ein “Hero with problems” – und das Problem von Captain America war – Amerika.
Nichts davon ist in dieser Filmversion zu spüren, die zu den Anfängen des Helden im Zweiten Weltkrieg zurückkehrt. Der schmächtige Steve Rogers – Chris Evans mit digital reduzierten Body-Maßen – würde so gerne seinem Vaterland dienen, doch wegen Asthma und Herzleiden wird er immer wieder zurückgewiesen.
Ein aus Deutschland entflohener Wissenschaftler (Stanley Tucci) verwandelt ihn durch ein Serum in den Supersoldaten “Captain America” – Chris Evans nun mit echtem, durchtrainierten Körper. Bei einem Anschlag feindlicher Agenten verliert der väterliche Freund das Leben, der Held muss seinen Weg alleine finden. Der führt ihn zuerst einmal auf die Bühnen patriotischer Shows, doch die rauen Soldaten des “echten” Krieges zeigen ihm buchstäblich den Arsch. Zum Rest des Beitrags »
ShareShit Year (Cam Archer)
von Peter Claus in Film, Filmspiegel, Kolumnen & Blogs, Kritik am 17. August 2011
Schon vor einer Woche gestartet, aber auf Grund einer eher überschaubaren Zahl an Kopien wohl – hoffentlich! – noch lange auf Tour. Die Geschichte ist sehr klein: In die Jahre gekommene Schauspielerin ohne Fortune (hinreißend selbstironisch verkörpert von Ellen Barkin) zieht sich zurück. Zwischen schrillen Erinnerungsfetzen und der Langeweile angesichts öder Nachbarn schlingert sie nun durch einen Alltag ohne Höhepunkte. Das ist schon alles. Ein Nichts. Doch
Inszenierung und Hauptdarstellerin machen daraus großes Kino voller menschlicher Wahrheiten. Das Versinken der Ex-Diva in Depression wird genau gespiegelt, ohne dass zu schrillen Mitteln gegriffen wird. Schwarzweißbilder von kühler Schärfe sorgen dafür. Und dann die Barkin! Spielt sie sich selbst? Ich weiß es nicht. Zumindest dürfte sie eigene Erfahrungen in die Gestaltung eingebracht haben. Vor zwanzig, fünfundzwanzig Jahren als eine der heißesten Frauen Hollywoods gehandelt, ist es in den letzten Jahren doch recht still um sie geworden. Feierte sie einst mit komplexen Frauenfiguren wie in dem Erotik-Thriller „Sea of Love“ (1989/90) an der Seite von Al Pacino Triumphe, die auf eine Riesenkarriere hindeuteten, blieb diese dann aus. Ellen Barkin passte nicht ins gängige Raster – zu eckig, zu eigenwillig, äußerlich und innerlich. Man sah sie immer mal in Nebenrollen. Nun also – endlich – in einem großen Part, der ihr sehr viel abverlangt, vor allem auch den Mut zu schonungsloser Offenheit.
Peter Claus
Shit Year, Cam Archer (USA 2010)
Bilder: Salzgeber
ShareWir schaffen das schon (Giulio Manfredonia)
von Peter Claus in Film, Filmspiegel, Kolumnen & Blogs, Kritik am 17. August 2011
In den 1970er Jahren galt Italien als führend in Sachen Betreuung psychisch Kranker. In der Theorie. Die Praxis sah anders aus. Es fehlte allenthalben an Mitteln und Möglichkeiten. Tiefpunkt der Misere: 1978 wurden sämtliche psychiatrischen Anstalten dicht gemacht. Inzwischen hat sich die Lage zwar wieder etwas verändert, aber das entsprechende Gesetz gilt nach wie vor. Folge: Viele finanzschwache Gemeinden müssen auf Deibel komm raus Sorge für ihre kopfkranken Mitbürger tragen.
Das überaus ernste Problem ist Ausgangspunkt dieser Komödie. Regisseur Giulio Manfredonia hat sie mit bezwingender Leichtigkeit inszeniert, ohne je ins Grobschlächtige abzudriften. Der Film, der in Italien einen riesigen Publikumszuspruch hatte und dort als „Oscar“-Favorit galt, kommt jetzt – mit drei Jahren Verspätung! – in die deutschen Kinos. Dem Verleih sei Dank!
Die Story führt in die frühen 1980er Jahre nach Mailand. Nello (Claudio Bisio), ein politisch linker Mann der Gewerkschaft, wird Leiter einer Arbeitsgruppe für elf psychisch Kranke. Es sollte kein Problem sein, denn dank reichlicher Medikamentenzufuhr können die „Irren“ in Schach gehalten werden. Doch Nello will wirklich etwas bewirken. Er schafft es, dass seine Schäfchen nicht nur in sinnloser Beschäftigungstherapie vergammeln, sondern als Parkettleger auf dem freien Markt groß raus kommen.
Das Drehbuch und Hauptdarsteller Claudio Bisio sorgen mit klugen Gags und einiger Gefühlstiefe dafür, dass Nello nicht zur Karikatur eines Heiligen verkommt. Der Mann vertritt durchaus handfeste kapitalistische Interessen. Doch er bleibt immer Mensch. Das macht ihn schließlich zu so etwas wie einem Wohltäter. Da die Geschichte auch Trauriges nicht ausspart, Misserfolge beruflicher und privater Art beispielsweise, bleibt sie durchweg glaubwürdig. Und nicht allein das. Sie entwickelt eine mitreißende Dynamik, der man sich nicht entziehen kann – wenn man Komödien mag, die bei allem Witz sehr genau Wirklichkeit spiegeln.
Peter Claus
Wir schaffen das schon, Giulio Manfredonia (Italien 2008)
Bilder: Kairos Filmverleih
ShareMidnight in Paris (Woody Allen)
von Peter Claus in Film, Filmspiegel, Kolumnen & Blogs, Kritik am 17. August 2011
Woody Allen lässt uns staunen. Nein, nicht weil ihm wieder ein überaus charmantes und skurriles Kino-Märchen gelungen ist, sondern weil er aus Owen Wilson einen Schauspieler gemacht hat.
Bisher vor allem als mehr oder weniger munterer Clown bekannt, darf der Blondschopf diesmal wirklich einen Charakter gestalten. Der, ein Drehbuchautor mit wilden Hoffnungen auf die große respektable Karriere als ernst zu nehmender Schriftsteller, stürzt in Paris in noch wildere Träume: Zur Geisterstunde taucht er ab ins Paris der 1920er Jahre. Dort trifft er Ikonen wie Ernest Hemingway, Pablo Picasso, F. Scott Fitzgerald samt Gattin Zelda und Cole Porter, und Gertrude Stein fehlt natürlich auch nicht.
Aha, ein Film für Bücherwürmer und Literaturkenner. Unsinn! Selbst wer von all den berühmten Leuten, die da auftauchen, noch nie etwas gehört hat, kann sich köstlich amüsieren. Einzig nötige Voraussetzung: man muss Spaß an eher leiserem Humor und skurrilem Witz haben!
Woody Allen zeigt keine Wirklichkeit, weder in den Szenen, die in der Gegenwart spielen, noch in denen, die in die Vergangenheit entführen. Stattdessen spielt er lustvoll mit allen sattsam bekannten Klischees. Damit wird der Spaß auch zu einer Liebeserklärung an die französische Hauptstadt, allerdings, an eine Stadt, die es so nie gab und wohl auch nie geben wird.
Owen Wilson liefert als Gil Pender seine bisher beste Darstellung ab. Es wäre leicht gewesen, den naiven Träumer als Trottel zu denunzieren. Doch das bleibt aus. Gil wird, wie der Handlungsort, zum Ideal eines sensiblen Menschen, der seinen ganz persönlichen Idealen kompromisslos zu folgen versucht. Neben und mit ihm agiert ein Star-Ensemble, das sich sehen lassen kann, und das offenkundig voller Lust agiert, mag der Auftritt auch noch so klein sein.
Peter Claus
Midnight in Paris, Woody Allen (USA 2011)
Bilder: Concorde Filmverleih
ShareHanif Kureishi: Mein Ohr an deinem Herzen
von Gülcin Wilhelm in Kritik, Literatur am 17. August 2011
Von Poona nach London
Improvisation: In seinem jüngsten Werk „Mein Ohr an deinem Herzen“ entfaltet der britische Schriftsteller Hanif Kureishi die Geschichte seiner indisch-pakistanisch-britischen Familie und erfüllt seinem Vater posthum den größten Wunsch
Peter Brook fragt Hanif Kureishi einmal nach Indien. Auf der Suche nach hinduistischer Mythologie und Symbolik für sein Großprojekt „Mahabharata“ wendet sich der britische Filmemacher damit allerdings mit dem britischen Regisseur indisch-pakistanischer Abstammung an jemanden, in dessen Kopf sich „ein Mischmasch aus britischen Sitcoms, zeitgenössischer amerikanischer Literatur und Popmusik“ befindet und für dessen Vater es selbst nur britische und amerikanische Kultur gab. So war Kureishi in Brooks Augen ein „gescheiterter Inder“, gar eine Fälschung.
Kureishi schließt diese Anekdote in seinem jüngsten Buch „Mein Ohr an deinem Herzen“ mit der Beobachtung ab: „Brooks Interesse galt dem Asiaten als kulturellem Phänomen, nicht dem Immigranten, der sich Kultur und Sexualität verkneifen muss, um in der neuen Heimat Fuß fassen zu können. Seine Kinder oder Enkel dürfen sich dann nach Herzenslust amüsieren – falls sie zu Ehren der von ihren Vätern gebrachten Opfer keine Fundamentalisten werden.“ Zum Rest des Beitrags »
ShareIch war neunzehn (Konrad Wolf)
von Jutta Brückner in Film, Filmspiegel, Gesellschaft, Kolumnen & Blogs, Kritik, Leben 2011
Konrad Wolf war für mich lange ein Gerücht, ein hochgeschätzter Name in der Ferne. Ich kannte seine Filme nicht, denn Gelegenheiten, DEFA-Filme zu sehen, gab es nicht viele. Aber aus politischen Gründen rühmte ich den Filmemacher, nur um gegen die westdeutsche Politik der Alleinvertretung in den Zeiten des Kalten Krieges zu protestieren. Ich glaube nicht, dass ihm diese Vereinnahmung für politische Zwecke gefallen hätte.
Dann sah ich „Ich war 19“. Es muss Anfang der 70er Jahre gewesen sein. Und ich war glücklich, dass ich nichts von meinem falschen Enthusiasmus zurücknehmen musste. Der Film traf mich an dem Punkt, der für mich damals der wichtigste war: in der Frage, wie Subjektivität und Realismus zu vereinbaren sind. Interessante westdeutsche Filme hatten freie subjektive Erzählformen, die die Grenzen der Phantasie erkundeten und eine Privatmythologie etablierten. Aber mein Thema waren die Frauen und die Gesellschaft, in der sie lebten. Und je mehr die Wirklichkeit sich in der künstlerischen Phantasie verflüchtigte, desto fragiler wurde die Wechselbeziehung zwischen Geschichte und Schicksal, auf die es mir aber ankam. Der Realismus, den ich kannte, stellte sich unter den Zwang zu einer Objektivität, in der alle Figuren der Erzählung in gleichmäßiger Distanz blieben. In meiner Suche nach einer Form für einen subjektiven Realismus traf ich auf „Ich war 19“.
Dieser Film ist subjektiv erzählt, das spürt man sofort, auch wenn man nicht weiß, dass die Geschichte Wolfs eigene Rückkehr nach Deutschland als milchbärtiger Soldat der Roten Armee erzählt. Zum Rest des Beitrags »
SharePlanet der Affen: Prevolution (Rupert Wyatt)
von Georg Seeßlen in Film, Filmspiegel, Gesellschaft, Kolumnen & Blogs, Kritik, Leben am 12. August 2011
P/R/EVOLUTION
Robert Wyatts neuer Film bringt die Intelligenz ins Popcorn-Kino zurück. Ohne Übertreibung.
Man hat schon mächtig etwas hinein gepackt in diesen Film, der die Vorgeschichte des großen „Planet of the Apes“-Universum erzählt, ein Herzstück der „intelligenten“ Science Fiction der Vor-„Star Wars“-Zeit. Nach dem eher satirischen Roman von Pierre Boulle erzählten fünf Filme (beginnend mit Franklin J. Schaffners Film aus dem Jahr 1968), und zwei Fernsehserien, eine Reihe von Comics und Tie in-Büchern die Geschichte eines Planeten, auf dem offensichtlich die Evolution etwas anders verlaufen ist als in unseren Schulen gelehrt: Die Affen sind die Herrscher, die Menschen ihre Haustiere und Sklaven. Affen sprechen, Menschen lallen allenfalls. Der Raumfahrer, der auf diesem sonderbaren Planeten gelandet ist, stellt am Ende des ersten Films, in einem wirklich einigermaßen gelungenen Twist fest, dass dieser Planet der Affen nichts anderes ist als die gute alte Erde selber, oder, als wäre das nicht das gleiche: Amerika. Zwischen Darwin, politischer Metaphorik und Kulturpessimismus erzählen die Filme gleichsam in einem Kreisen um diese evolutionäre oder eben auch politische Verzweigung, wie sich eine mögliche zweite um die erste Geschichte, die der Menschen bindet, im Diskurs nicht nur von Herren und Sklaven, sondern von Wert und Unwert. Provokant genug in einem Land, dessen Präsidenten ihre Politik immer mal wieder aus dem christlichen Glauben rechtfertigen: Wenn der Untergang der einen den Aufstieg der anderen Primatenkultur bedeutet, hat die ganze Sache mit Schöpfung, Gott, Apokalypse und Erlösung so gut wie nichts zu tun. Die Affen bewiesen im Kino: Evolution ist ein offenes Feld. Und Geschichte wird gemacht. Zum Rest des Beitrags »
ShareThomas Wolfe: Die Party bei den Jacks
von Sabine Peters in Kritik, Literatur am 11. August 2011
Die düster-leuchtende Metropole
Der amerikanische Romancier Thomas Wolfe nimmt uns mit auf „die Party bei den Jacks“
„Eine märchenhafte Stadt, erbaut auf einer Insel“: Das war der Sehnsuchtsort des jungen Frederick Jack, und sein Traum erfüllt sich. Als 54-jähriger reicher Banker lebt er mitten in Manhattan, und seine Frau Esther wird als Bühnenbildnerin gefeiert. Mr Jack sieht morgens vom neunten Stock seiner Luxuswohnung aus wohlwollend, fast mit Besitzerstolz auf die Stadt, sieht das fließende geordnete Leben – die Welt ist gut. Die Menschen sind es weniger: Das Personal lügt und stiehlt; sein Geschäftspartner spinnt, das wissen alle. Überhaupt ist die ganze Gesellschaft durchzogen von Betrug und Korruption, aber in Mr Jacks Adern fließt elektrische Energie; er und seine Frau befinden sich in tiefem Einverständnis mit dem Leben. Zum Rest des Beitrags »
ShareDie Romane von Ross Thomas in einer Neuauflage
Der Meister der Überraschung
Die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg war für einen Schriftsteller wie Ross Thomas (1926-1995) ein Erzählparadies. Es gab so viel, vor dem Leute Angst hatten; so viel, das man gierig begehren und teuer verkaufen konnte; so viele Regeln, die nur darauf warteten, außer Kraft gesetzt zu werden. Zu alt, um ein Hippie zu werden, stellte er die Welt in seinen Büchern auf den Kopf, tanzte mit den Verhältnissen. Bezeichnungen wie „Kriminalroman“ oder „Thriller“ treffen den Charakter seiner Romane (mehr als Hälfte von ihnen explizit im politischen Bereich angesiedelt) nur wenig. Seine erzählerische Lust an den abenteuerlichsten Konstellationen, Täuschungsmanövern, Intrigen und Gegenintrigen macht ihn zu einem der sehr seltenen schriftstellernden Vertreter der „screwball comedy“. Seine Dialoge sind geschliffen, die Haltung cool und lakonisch, die Handlung des doppelten Rittbergers kundig, der Witz geistreich, gelinde böse und überraschend. Ein klitzekleines Beispiel: „Vielleicht solltest du morgen eine Verkleidung tragen.“ – „Eine Verkleidung?“ – „Du weißt schon“, sagte sie, „ein Lächeln.“ Zum Rest des Beitrags »
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