Reisewelten: Malawi (3)
von Michael Scholten in Gesellschaft, Leben am 3. März 2012
Donnerstag, 14. August 2008
Senga Bay und Nkhata Bay
Ich gönne mir für 840 Kwacha ein Frühstück in der „Cool Runnings“-Lodge und ahne noch nicht, dass dies die letzte Stärkung für heute sein wird. Kräfte brauche ich, denn ich will mich rund 300 Kilometer in den Norden durchschlagen. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Doch zunächst ist Muskelkraft gefragt. Mein Koffer will gut einen Kilometer bis zur Hauptstraße gerollt werden und frisst erneut eine lange Spur in den feinen grauen Sand. Kinder verfolgen mich, lachen sich kaputt über meine Dampfwalzenarbeit und befehlen einmal mehr: „Give me money!“
Ich steige auf die mit Passagieren und Fahrgästen völlig überfrachtete Ladefläche eines Pick-ups, was weder der Frisur noch dem Hintern gut tut. Während das Gesäß durch den harten Untergrund aus Blech gelähmt wird, weht einem der Fahrtwind fast die Haare vom Kopf. Nach einer halben Stunde erreichen wir den Busbahnhof von Salima. Ich finde keinen Minibus, der bis in die nördliche Regionalhauptstadt Mzuzu fährt. Da biegt ein großer Reisebus um die Ecke, der als Fahrziel immerhin Chintheche angibt. Das liegt rund 100 Kilometer vor Mzuzu. Zum Rest des Beitrags »
ShareDie protestantische Maschinistin des deutschen Kapitalismus
von Georg Seeßlen in Gesellschaft am 3. März 2012
Oder Warum das Scheitern von Christian Wulff ein Seitenstück zur Machtstabilität unserer rundlichen Eisernen Lady ist
Der demokratische Fürst und sein Volk verhalten sich zueinander in den beiden Wirkkräften des Marktes, die nur auf den ersten Blick vollkommen widersprüchlich sind: Konvergenz (immer mehr ist der Herrscher „einer von uns“, was sein Auftreten, das Wissen von ihm, Dresscode und Sprache etc. anbelangt), und die Differenz, nach der Menschen wie Waren Alleinstellungsmerkmale oder Wettbewerbsvorteile inszenieren (man legt, so heißt es in den Kommentaren gern, doch „andere Maßstäbe“ an einen Bundespräsidenten wie an einen normalen Bürger an). Genau besehen hat das Spiel von Konvergenz und Differenzierung Demokratie eigentlich ersetzt, in der beides eher als „Krankheiten“ betrachtet werden müssten, die populistische und intimistische Konvergenz, und die Abgehobenheit und Künstlichkeit der Differenz. Dabei handelt es sich eben nicht um Widersprüche, sondern Instrumente, die an den richtigen Stellen richtig eingesetzt werden sollten; die Konvergenz und die Differenz sind die beiden Seiten der demokratischen Herrschaftsmedaille. Zum Rest des Beitrags »
ShareFrau Küpper von der Zeitung für Deutschland
von Georg Seeßlen in Gesellschaft am 2. März 2012
Der Zusammenhang von persönlicher Neurose, Karriereplanung und Diskurs-Mainstreaming ist nicht besonders gut erforscht
In der F.A.Z. gibt es heute einen Artikel über die Präsidentschaftskandidatur von Beate Klarsfeld unter dem Titel „Das Missverständnis“, der in seiner depperten Propaganda-Absicht schon wieder zur Kenntlichkeit vordringt: „Heute wirkt die Vorstellung, wie eine junge Frau sich mit einem Umzug nach Paris und einer Hochzeit mit einem Mann, dessen Vater in Auschwitz ermordet wurde, radikal auf die Seite der Opfer schlägt und ‚eine exemplarische Deutsche’ sein will, fast ein wenig drollig“.
Wirklich: Da wird in einem Satz von der Ermordung eines Menschen in Auschwitz und „drollig“ gesprochen! Was man an Niedertracht doch alles in einen einzigen Satz packen kann! Da ist der Werdegang der Autorin, Mechthild Küpper, durchaus interessant, …
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ShareMerkels Bürgerbereisung
von Henryk Goldberg in Gesellschaft am 2. März 2012
Meldung Rund 100 Bürger durften am Mittwochabend in Erfurt mit Bundeskanzlerin Angela Merkel, die ungezwungen auftrat, über die Zukunft diskutieren. “Dann bin ich gleich eine von Ihnen“, sagt sie, als sie sich beim Fototermin zu Beginn für wenige Augenblicke zwischen die Teilnehmer setzt. (Hamburger Abendblatt)
(von Henryk Goldberg)
Nein, sie ist keine von uns. Das sagt nichts über sie aus und nichts über uns. Aber dass sie es gesagt hat, das sagt etwas über die Psychologie des Menschen.
Sie wolle, hatte Angela Merkel zwei Besucherinnen in Erfurt gesagt, sich jetzt zwischen sie setzen, „dann bin ich eine von Ihnen“. Das ist eine Sehnsucht von zwei Seiten her. Dieser Sehnsucht verdankt sich die Attraktiviät, die Anziehungskraft dieser Bürgerbereisung.
Die Kanzlerin gibt sich gern dem Empfinden hin, nun mit ihrem Volk auf Augenhöhe zu kommunizieren, von Mensch zu Mensch, sozusagen. Natürlich weiß sie, dass das nicht so ist. Wenn sie tatsächlich nichts als die Begegnung suchte, nichts als die sog. Weisheit des Volkes, dann hätte sie die Medien nicht ein-, sondern ausgeladen. Aber dieses Hier-bin-ich-Mensch-hier-darf-ichs-sein- Gefühl ist eines, das Menschen sehr lieben, die über die anderen gestellt sind. Und in einer Demokratie ist das nicht nur schön, es ist auch nützlich.
Die Menschen, die dort hingingen, werden kaum naiv genug sein, das nicht zu wissen. Aber die Nähe der Macht zu spüren, ihre Aura, das ist, ohne jede Ironie, ein Erlebnis. Die Erfahrung, dass hinter so einem institutionalisierten Namen eben doch ein wirklicher Mensch lebt: Das ist das Schöne einer solchen Begegnung für die Menschen.
Das Nützliche ist für die Kanzlerin.
Henryk Goldberg, Thüringer Allgemeine 02.03.2012
Bild: Dr. Angela Merkel, Bundeskanzlerin der Bundesrepublik Deutschland, Vorsitzende der CDU Deutschlands; CC BY-SA Armin Linnartz
SharePolizeigewalt bei Einsätzen
von Georg Seeßlen in Gesellschaft am 2. März 2012
Merkels Prügelnazis
Wer als Deutscher dieser Tage quer durch Europa reist, während in Raststätten, in Cafés und in Supermärkten Bilder vom Einsatz deutscher Polizistinnen und Polizisten gegen die Demonstrierenden gegen die Atommülltransporte nach Gorleben diskutiert werden, darf sich Kommentare anhören wie “Und diese Prügelnazis wollen uns beibringen, wie Demokratie in der Krise funktioniert”, “Die führen Krieg gegen das eigene Volk, gegen die eigene Jugend, wie in Nordafrika”, oder “Da zeigt die Merkel-Regierung mal ihr wahres Gesicht”.
Der Einsatz der Polizei, ich glaube, ich erwähnte das schon einmal, wird in den kommenden Jahren nicht nur in jenen Ländern zunehmen, die unter dem sozialen Umbau als Folge der Schuldenkrise am meisten zu leiden haben. Nach dem Volksentscheid in Baden-Württemberg ist wohl klar: Auch die grün-rote Landesregierung wird Polizei in Bewegung setzen, um die letzten unverdrossenen Ungehorsamen zu vertreiben und das nun auch vom Volk abgesegnete Projekt durchzusetzen.
Ein “harter” Polizeieinsatz unter einer grün-roten Regierung wird die bislang so sträflich vernachlässigte Frage nach der Beziehung von Polizei und Gesellschaft neu stellen: Wie gewalttätig darf eine Polizei vorgehen, die Projekte gegen Menschen durchsetzt, die sich, ihre Kinder und ihre Kultur vital bedroht sehen müssen? Und wann produziert die Polizei just die Feinde, gegen die sie vorgehen will, während sie andere “vergisst”?
ShareBeate Klarsfelds Ohrfeige
von Ingo Arend in Gesellschaft am 1. März 2012
Erziehung zur Mündigkeit
Peter Hintze von der CDU spricht vom „destruktiven Charakter“ der Personalie Klarsfeld. Dabei wurden schon in der Antike Sklaven mit einer Ohrfeige in die Freiheit entlassen.
„Bis heute hat die Literatur die gedankenschwere Unbeweglichkeit, die Ekstase und den Schlaf gepriesen. Wir wollen preisen die angriffslustige Bewegung, die fiebrige Schlaflosigkeit, den Laufschritt, den Salto mortale, die Ohrfeige und den Faustschlag.“ Wer Filippo Marinettis „Futuristisches Manifest“ aus dem Jahr 1909 nachliest, kann in der Nominierung von Beate Klarsfeld zur Bundespräsidenten-Kandidatin der Linkspartei doch mehr sehen als einen gezielten Schlag ins Gesicht des Polit-Establishments: Gegen das Vergessen!
Der Schriftsteller Thomas Hettche, Autor eines Romans über „Die Liebe der Väter“, geißelte die verpönte Strafmaßnahme einmal als „Ausdruck der Verzweiflung“. Im Lichte des Aufrufs der kühnen Himmelsstürmer vom Beginn des letzten Jahrhunderts wird aus dem Retro-Signal Klarsfeld (Sixties, Vergangenheitsbewältigung, Prügelstrafe) aber ein Zeichen des Aufbruchs, der Grenzüberschreitung, ein später Triumph der Avantgarde.
Nur ein kulturgeschichtlicher Ignorant wie Peter Hintze von der CDU kann vom „destruktiven Charakter“ der Personalie Klarsfeld sprechen. Schließlich wurden schon in der Antike Sklaven und im Mittelalter Lehrlinge mit einer Ohrfeige in die Freiheit entlassen: der Backenstreich als Erziehung zur Mündigkeit. Den Futuristen ging es darum, eine noch größere Schwelle zu überschreiten. Begnügten sich die Situationisten sechzig Jahre später mit so etwas Ungenauem, wie „Momente“ und „Situationen“ herzustellen, in denen das Leben zum Kunstwerk wird, sollten die futuristischen Handreichungen „die geheimnisvollen Tore des Unmöglichen aufbrechen“. Zum Rest des Beitrags »
ShareThüringen ist überall
von Henryk Goldberg in Gesellschaft am 1. März 2012
Meldung Nach 18 Monaten Umbau ist das Staatstheater Stuttgart in seine Spielstätte im Schauspielhaus zurückgekehrt. Eröffnet wurde das weitgehend generalsanierte Haus am Freitag mit der ausverkauften Premiere von Friedrich Schillers „Don Karlos“. Getrübt wird die Freude über die Rückkehr allerdings davon, dass die Bauarbeiten nicht fristgerecht beendet wurden. Bei der Premiere musste das Publikum beispielsweise auf provisorischem Gestühl sitzen.
Kolumne von Henryk Goldberg: Klasse Service
Mein Auto zum Beispiel. Wirklich klasse Service. Sie schreiben mir, nun sei der TÜV fällig. Ich war ein wenig verwundert, wie doch die Zeit vergeht. Fahre also hin zum vereinbarten Termin. Ja, sagt der Meister, ein guter Mann, nun benötige er noch die Zulassung. Liest sie, schaut mich nachdenklich an, liest wieder und spricht: Stimmt schon mit dem TÜV, im Prinzip. Aber erst in einem Jahr. Sie hatten mein altes Auto noch im System.
Mein Laptop zum Beispiel. Das DVD-Laufwerk funktioniert nicht. Ich trage das Gerät in die Filiale einer renommierten Kette. So und so, das Laufwerk funktioniert nicht, ich weiß nicht, ob das ein mechanisches Problem ist oder eines der Einstellungen, es ist einfach verschwunden.
Sie müssen ein Laufwerk bestellen, es kommt, es passt nicht. Sie müssten jetzt, eine Woche ist vorbei, ein anderes bestellen. Diesmal ist ein anderer Mitarbeiter da, guter Mann. Ich weiß nicht, wiederhole ich, was ich schon seinem Kollegen sagte, ob das ein mechanisches Problem ist oder eines der Einstellung, es ist einfach verschwunden. Er überprüft die Einstellungen, nach 20 Minuten ist das Laufwerk wieder da und funktioniert.
Aber mein allerschönstes Ferienerlebnis hatte ich im Staatstheater Stuttgart. Sie haben es 18 Monate lang für 25 Millionen Euro saniert. Und mussten kurz vor der Premiere die teure Bestuhlung durch provisorische Plastestühle ersetzen.
Thüringen ist überall.
Henryk Goldberg, Thüringer Allgemeine, 22.02.2012
Bild: Naples Stapelsessel – weiß von bellasol, Preis 35,50; gesehen bei home24.de
Über Meister/Schüler Verhältnisse
von Jutta Brückner in Filmwissen, Gesellschaft, Kolumnen & Blogs am 24. Februar 2012
Die im Bereich des Films eher selten geführte Diskussion um Meister-Schüler-Verhältnisse ist vor einigen Jahren lebhaft geworden anhand von zwei asiatischen Filmen. Der eine ist Crouching Tiger – Hidden Dragon des chinesisch-amerikanischen Regisseurs Ang Lee, der seine Filme für den Weltmarkt unter Hollywood-Bedingungen macht, was die Sprache, die Opulenz und das Budget angehen. Auch der andere Film ist über die Vielzahl von Festivals, auf denen er gezeigt wurde, weltweit bekannt geworden, aber nur im internationalen Zirkel der Kritiker und Liebhaber von Kunstfilmen. Es ist „Frühling, Sommer, Herbst, Winter und wieder Frühling….“ des koreanischen Filmemachers Kim Ki-Duk. Beide Filme erzählen von einer Meister-Schüler-Beziehung. In Crouching Tiger – Hidden Dragon geht es um eine junge Frau, die heimlich die Kampfkunst erlernt hat von ihrer Dienerin, die dadurch ihre Lehrmeisterin geworden ist. Aber diese zwielichtige Meisterin beherrscht die Kampfkunst nur unvollkommen, denn es war ihr, weil sie eine Frau war, untersagt worden, von einem wirklichen Meister unterrichtet zu werden. Aus Rache hatte sie dann das Buch mit den Regeln gestohlen, war aber als Analphabetin nicht in der Lage, es zu lesen. Das, was sie ihrer Schülerin heimlich vermitteln konnte, war nicht nur eine unvollkommene und verwilderte Version der Kampfkunst, sondern auch eine, die den Grundsatz wahrer Meisterschaft vermissen ließ: die Charakterbildung, ohne die die Beherrschung der Handgriffe nichts ist. Der wahre Meister ist der, der auch den Charakter des Schülers formt. Und um Charakterbildung geht es jetzt in diesem Film. Der im Kampf äußerst geschickten, aber widerspenstigen und jähzornigen jungen Frau muss die richtige Haltung vermittelt werden, die Weisheit, ihre Kampfkunst im richtigen Moment gegen die richtigen Gegner einzusetzen. Der Film erzählt das so, dass die Schülerin ihre unvollkommene Meisterin verlässt, um dem wahren und richtigen Meister, den sie bis dahin als ihren Feind bekämpft hat, zu folgen. Bei ihm ist die Kampfkunst in ein moralisches und philosophisches System einbettet und in die Verehrung für seinen eigenen toten Meister. Zugespitzt könnte man sagen, die unvollkommene, weil auf Hass und Rachsucht basierende Meisterschaft einer Frau wird durch die wahre, auf der melancholischen Einsicht in das zerstörerische Wesen des Kampfes basierende Zum Rest des Beitrags »
ShareAltes Pfarrhaus
von Jörg Magenau in Gesellschaft am 23. Februar 2012
Von Christian Wulff – Gott sei seiner Amtszeit gnädig – wird neben allen Skandalen die Einsicht in Erinnerung bleiben, dass auch der Islam zu Deutschland gehört. Mit dieser Aussage hat er sich nicht nur Freunde gemacht; die Freundschaft zur Bild-Zeitung ging danach jedenfalls dramatisch in die Brüche. Die Ernennung von Joachim Gauck zu Wulffs Nachfolger lässt sich als direkte Antwort darauf begreifen: Der Islam mag zu Deutschland gehören, Präsident wird aber immer noch ein evangelischer Pastor. Wenn die Parteien sich nicht auf Gauck geeinigt hätten, wäre Bischoff Huber ein anderer möglicher Kandidat gewesen. Hauptsache also ein guter Christ – das ist doch schon mal eine frohe Botschaft. Und dann ist da ja auch noch die Pfarrerstocher Angela Merkel, falls Zweifel an der Herkunft deutscher Politiker und ihrer weltanschaulichen Grundausrichtung bestehen sollten. Die Volksweisheit von Pfarrers Kindern und Müllers Vieh, die angeblich nie gedeihen, können wir getrost ad acta legen.
Was wir erleben, ist die Renaissance des Pfarrhauses als Wiege der Politik. Dabei ist das Pfarrhaus historisch gesehen die Keimzelle der deutschen Literatur gewesen. Der Germanist Heinz Schlaffer hat in seiner Literaturgeschichte darauf hingewiesen, dass besonders im 18. Jahrhundert, im Zeitalter der Aufklärung, deutsche Dichter mehrheitlich Pastorensöhne waren. Er nennt Bodmer, Gottsched, Gellert, Lessing, Wieland, Schubart, Claudius, Lichtenberg, Bürger, Hölty, Lenz, Jean Paul und die Brüder Schlegel. Nachzutragen von den später Geborenen wären Nietzsche, Hesse und heute zum Beispiel Christoph Hein. Das Pfarrhaus, so schrieb Pfarrerssohn Gottfried Benn, fördere die „Kombination von denkerischer und dichterischer Begabung“. Es ist, so Heinz Schlaffer, „der begünstigte Ort einer nachhaltigen Bildung“.
Die geistige Enge pietistischer Frömmelei drängt aber jeden leidenschaftlichen Wahrheitssucher bald auch aus dem Pfarrhaus hinaus. Nietzsche verkündete den Tod Gottes. Benn wurde Arzt und konnte im Körper die Seele nicht mehr finden. Hermann Hesse floh aus den bedrängenden Verhältnissen seiner Heimat ins Ausland. Das im Pietismus angelegten Rebellentum kann auf Abwege der Gewalt führen, wie das Leben der Pfarrerstochter Gudrun Ensslin belegt; es kann aber auch, wie bei Joachim Gauck in der DDR, den zivilen Widerstand grundieren.
Etwas davon möchten wir uns wohl bewahren, wenn wir mit Merkel und Gauck ein ostdeutsches Pfarrhaus-Duo an der Staatsspitze etablieren. Vielleicht spricht daraus die Sehnsucht nach einem Dichterpräsidenten, wie es Vaclav Havel in Tschechien gewesen ist – die Sehnsucht nach moralischer Integrität, die innerhalb der Politik nicht befriedigt wird. Im Pfarrhaus gibt es immerhin einen Überschuss an den Ressourcen Hoffnung und Glauben. Und wenn die Ansicht dominiert, dass Politik sowieso nichts bewirken kann, ist es nur konsequent, auf Pastoren und deren Kinder zu setzen. Die können wenigstens predigen. Und beten. Vielleicht hilft das ja.
Jörg Magenau
rbb kulturradio (23.02.2012)
Bild: 2011 Joachim Gauck CC by J. Patrick Fischer
ShareMoralbuddhas der Medien
von Achim Szepanski in Gesellschaft am 23. Februar 2012
Meldung Die “Neue Zürcher Zeitung” schrieb zur Zur Rolle der Medien in der Wulff-Affäre (18.02.12): Moralbuddhas in den Medien
“Und vielleicht könnten jetzt die Moralbuddhas der Medien nach geschlagener Schlacht auch einmal mit ähnlichem Drang darlegen, wie sie sich selbst vom Lockstoff all der Verheißungen und Verführungen betören lassen, denen sie als Journalisten nur allzu oft unterliegen - von Einladungen der tollsten Sorte, Reisen und Rabatten in einem Ausmaß, das bei fast allen andern Erwerbszweigen die Schamröte hochtriebe. (…) Der Fall Wulff ist ein unrühmliches Kapitel politischer und medialer Auseinandersetzung in Deutschland. Ein Trost ist immerhin, dass die Selbstgerechtigkeit der Saubermänner bei der Bevölkerung mit sichtlicher Zurückhaltung quittiert wird.”
Meinung von Achim Szepanski Eine wirklich exzellente Wortschöpfung, diese „Moralbuddhas der Medien“
Wenn der wirkliche Jesus laut Nietzsche schon eine Art Buddha war, „ein Buddha auf einem sehr wenig indischen Boden“, dann setzen die heutigen Moralbuddhas alles um, was Jesus angekündigt hatte, die hohe Kunst eines erleidenden Hedonismus, egal ob es sich um Comedy, Casting, Talkshow oder einen Kommentar im Feuilleton handelt. Diese Events sind Derivate des Melodrams, indem sie unaufhörlich die Moral neu designen. Wahlweise Beifall für die neusten Platitüden der Politiker, Standing Ovations für die Blamage oder Applaus für den schlechten Geschmack oder umgekehrt der radikale Vernichtungszug dagegen, je nach Bedarf und Marktlage, kennzeichnen vor allem eines: hier soll jeder zum wie auch immer vermittelten Teilnehmer werden, auch wenn es bei vielen noch nicht einmal zum Recall reicht. „So gleicht die spätbürgerliche Demokratie dem Schreckgespenst, das sie an die Wand malt: einem kommunistischen Parteitag“, schreibt Eike Geisel 1984. Hierin liegt der wahre Sozialismus des Kapitals (und nicht in der neoliberalen Durchsetzung von Marktprinzipien.) Politik, Ökonomie und Kulturindustrie sind eine einzige Laudatio und Akklamation auf sich selbst, die sie wie ihr Leiden, Verpflichtung und Sauforgie zugleich vor sich her tragen. Dass der Jargon der Betriebsamkeit, der alle fünf Minuten ein neues biopolitisches Experimentierfeld entdeckt, am Design von Derivaten seine Erfüllung findet, ist kein Makel oder gar ein Symptom des Verfalls, sondern zeugt von der erreichten Perfektion der Verwandlungskünste des Geldes: das ehemals Teure oder Exklusive erhält seine spezielle Transzendenz erst dann, wenn es als kommunistisches Event oder Casting durch die Medien gejagt wird. Allenthalben zeigt sich darin auch, wer die wirkliche Avantgarde im Kapitalismus ist: jene Agenten bzw. „Finanzsowjets“ (Marazzi), die die Derivate in Realtime um den Globus rasen lassen. Der wahre Hippster zu sein heißt also, sich im Sinne der Bewirtschaftung von Zukunft maximal zu verschulden. Davon können die Moralbuddhas und ihr Publikum noch einiges lernen, nämlich endlich zwischen Schuld und Verschuldung zu trennen. Dann heißt die Parole nicht mehr, wer nicht mitmacht, ist selbst schuld, sondern ganz im Sinne eines coolen Opportunismus: wer den Erfolg erkämpft, ist dafür niemandem zu Dank verpflichtet, wer verliert, findet keine Adresse, bei der er sich beschweren kann. Erst wenn die deutschen Moralbuddhas dies begreifen, werden sie auch verstehen, was die Kulturindustrie mit dem Berlusconismus an Anziehungskraft gewonnen hat. Dann erst wird der kommunistische Parteitag zur gelungenen Cocktailparty, bei der auch ältere Herren schon mal ins nostalgische Schwärmen geraten dürfen, um das Remake der Bewahrung des Alten anzustimmen. Die gewiefteren unter ihnen werden sich allerdings zu den Tischen der jungen linken Feuilleton-Hipster gesellen, um sich soufflieren zu lassen, dass die kapitalistischen Widersprüche nicht als Mangelproduktion zu definieren seien, sondern als der Gegensatz zwischen dem Wirklichen und dem jetzt schon Möglichen. Das ist eine schöne Idee, die die Finanzsowjets Sekunde für Sekunde in klingende Zahlen umsetzen.
Achim Szepanski
ShareSauvons le peuple grec de ses sauveurs !
von @getidan in Gesellschaft am 22. Februar 2012
In eben dem Moment, in dem jeder zweite jugendliche Grieche arbeitslos ist, in dem 25.000 Obdachlose durch die Straßen von Athen irren, in dem 30% der Bevölkerung unter die Armutsschwelle gefallen sind, in dem Tausende von Familien dazu gezwungen sind, ihre Kinder zur Arbeit zu schicken, damit sie nicht vor Hunger und Kälte sterben, in dem die neuen Armen und die Flüchtlinge sich auf den öffentlichen Müllhalden um die Abfälle streiten – in eben diesem Moment zwingen die „Retter“ Griechenlands unter dem Vorwand, dass die Griechen „sich nicht hinreichend Mühe geben“, diesem Land einen neuen Hilfeplan auf, der die verabreichte tödliche Dosis noch einmal verdoppelt. Dieser Plan schafft das Recht auf Arbeit ab, stürzt die Armen in extremes Elend und bringt zugleich die Mittelklassen vollständig zum Verschwinden.
Das Ziel dieser Operation kann gar nicht die „Rettung“ Griechenlands sein: in diesem Punkt sind sich alle Wirtschaftswissenschaftler einig, die überhaupt diesen Namen verdient haben. Es geht darum Zeit zu gewinnen, um die Gläubiger zu retten, während zugleich das Land in einen zeitverschobenen Konkurs getrieben wird. Es geht vor allem darum, aus Griechenland – mit der aktiven Kollaboration seiner herrschenden Klasse – das Laboratorium einer gesellschaftlichen Veränderung zu machen, die dann in einem zweiten Schritt auf ganz Europa verallgemeinert werden wird. Das auf dem Rücken der Griechen experimentierte Modell ist das einer Gesellschaft ohne öffentliche Dienste, in der die Schulen, die Kliniken und die Abgabestellen für Medikamente zu Ruinen verfallen, in der Gesundheit
zu einem Privileg der Reichen wird und in der die besonders verwundbaren Bevölkerungsteile zu einer planmäßigen Eliminierung bestimmt sind, während jene, die noch Arbeit haben, zu extremen Formen der Verarmung und der Prekarität verurteilt werden.
Damit diese Offensive des Neoliberalismus aber ihre Ziele erreichen kann, muss ein Regime eingesetzt werden, dass die elementarsten demokratischen Rechte schlichtweg einspart. Wir müssen daher sehen, wie in Europa auf Anweisung der Retter Regierungen von Technokraten gebildet werden, die sich einen Dreck um die Volkssouveränität kehren. Damit geht es um eine Wende in den parlamentarischen Regimen, in der zu beobachten ist, wie die „Volksvertreter“ den Experten und den Bankern freie Hand geben und auf das ihnen zugeschriebene Recht, Entscheidung zu treffen, einfach verzichten. Gewissermaßen ein parlamentarisch vollzogener Staatsstreich, der dann auch gegen die Protestaktionen des Volkes auf einen erweitertes Arsenal an Unterdrückungsmaßnahmen zurückgreift. Auf diese Weise hat in dem Moment, in dem die Abgeordneten – in direktem Gegensatz zu ihrem bei ihrer Wahl übernommenen Auftrag – das von der Troika (EU, ECB, IMF) diktierte Abkommen ratifiziert haben, eine Staatsgewalt, der jegliche demokratische Legitimität abgeht, die Zukunft des Landes für dreißig oder auch vierzig Jahre verpfändet. Zum Rest des Beitrags »
ShareReisewelten: Malawi (2)
von Michael Scholten in Gesellschaft, Leben am 21. Februar 2012
Montag, 11. August 2008
Senga Bay am Malawisee
Die Frau im Reisebüro schaut mich fragend an: Ein Flug von Blantyre im Süden nach Mzuzu im Norden? Die Verbindung ist doch längst gestrichen worden nach DEM Flugzeugabsturz. Das sagt sie mit einem Unterton, der mich erkennen lässt, dass dieses Unglück wohl vor nicht allzu langer Zeit Malawi beschäftigt haben muss. Da ich bis vor wenigen Wochen aber nicht mal Malawi kannte, habe ich natürlich auch nicht mitbekommen, dass Air Malawi eines seiner wenigen Flugzeuge bei einem Absturz verloren hat. Das heißt: Inlandsflüge gibt es nicht mehr. Damit habe ich auch keine Möglichkeit, zeitsparend in den Norden zu fliegen. Den Plan, Cape McClear und Zomba zu besuchen, muss ich über den Haufen werfen.

Das genähte Fenster des Minibusses gibt einen Vorgeschmack auf die Qualität der Fahrt nach Senga Bay.
Ich verabschiede mich in der Mufasa Lodge und schleppe mein Gepäck zum Shoprite-Supermarkt. Von hier aus fahren Minibusse in alle Teile des Landes. Mein Ziel ist Senga Bay am Malawisee. Hätte ich ein eigenes Auto, würde die Fahrt dorthin weniger als eine Stunde dauern. Doch ich setze auf die günstigen Minibusse. Zweimal Umsteigen inklusive.
Die erste Etappe kostet 100 Kwacha und führt mich in einen Vortort von Lilongwe, vorbei an großen Hallen für Tabakauktionen und dem mit deutscher Entwicklungshilfe gebauten gigantischen zentralen Getreidesilo Malawis. Im nächsten Minibus verschwindet mein Koffer im Heck des klapprigen Gefährts. Die Hintertür ist nur durch ein Seil gesichert, sodass ich mir ernsthaft Sorgen um mein Gepäck mache. Zum Glück schleppt ein anderer Fahrgast eine große Gasflasche an. Zum Rest des Beitrags »
ShareSchwarze Bohnen
von Georg Seeßlen in Gesellschaft am 19. Februar 2012
In Kuba gibt es wenig Zeitungen. Genau genommen sind es wohl mehr oder weniger nur zwei, und von denen gibt es auch nicht viele Exemplare auf der Straße. Ein Zeitungskiosk in Havanna macht für unsere Augen einen trostlosen Eindruck. Neben der „granma“ sieht man allenfalls ein paar Jugendzeitschriften, die aussehen wie etwas unbeholfen gelayoutete Fanzines. Noch desolater scheinen Bibliotheken, wo man seit Jahrzehnten nichts neues mehr angeschafft hat. Der Aufmacher der Zeitung heute: Die Notwendigkeit, den Preis für schwarze Bohnen um einige Cent pro Kilo zu erhöhen. Man würde einer Gesellschaft, die sich in einem Übergang befindet, aber mehrheitlich nicht bereit ist, sich einfach fressen zu lassen von Kapital und Entertainment, mehr Diskurs-Kultur, mehr Pressefreiheit wünschen.
Ja, das würde man. Jedenfalls so lange, bis man wieder in den heimischen Gefilden gelandet ist. Schon bei der Lektüre der ersten Zeitung an Bord des Flugzeuges wird einem klar, was ein gut recherchierter Artikel über die Preiserhöhung von schwarzen Bohnen wert ist. Wenn man nämlich die (für unsereinen zugegeben etwas mühsame) Lektüre vollzogen hat, weiß man etwas über den Zusammenhang von Wetter, Düngemittel, Versorgungsauftrag und Weltmarkt. Und natürlich weiß man, was die Erhöhung des Preises für schwarze Bohnen für das Leben einer kubanischen Familie bedeutet. Dann erinnert man sich an einen Artikel über die Möglichkeit, Baumaterialien auch für private Baustellen zu beziehen, wenn die Dringlichkeit der Bauarbeiten nachgewiesen werden kann. Und man weiß, dass diese Änderung das Leben vieler Menschen betrifft. Was aber weiß ich nach der Lektüre einer deutschen Zeitung (jedenfalls der Art, wie sie in Flugzeugen verteilt werden)?
Nach einem Monat Abwesenheit scheint es, als könnte die Zeitung von heute genau so gut die Zeitung von vor vier Wochen sein. Ist man gelandet, so erwarten einen die schreienden Medien der Niedertracht. Nichts zum Preis von schwarzen Bohnen (oder Kartoffeln), aber alles über faule Griechen, Dschungelcamps und Ferienfreunde des Bundespräsidenten, wie gehabt. Die einen interessieren sich dafür, was Models anhaben, die anderen dafür, was sie ausziehen. Die kubanischen Zeitungen versprechen, davon zu berichten, was im eigentlichen die Menschen angeht, unsere Zeitungen versprechen, davon zu berichten, was uns eigentlich nichts angeht. Sie kriegen das vielleicht beide nicht in letzter Konsequenz hin. Aber zur Überheblichkeit gibt es weiß der Himmel keinen Grund.
Die politische Ökonomie unserer Medien, so viel ist bekannt, hat aus der Pressefreiheit in der Demokratie eine Pressefreiheit auf dem Markt gemacht. Es ist, gewiss, nur noch die Freiheit einiger weniger Konzerne. Aber was wäre die Bild-Zeitung ohne Leser und Käufer? Auch unsere Gesellschaft ist eine des Übergangs, doch anders als die kubanische will sie sich das partout ausreden lassen. Zum Rest des Beitrags »
ShareDiskursmacht ohne Symbolschutt
von Ingo Arend in Gesellschaft am 17. Februar 2012
Der Islam gehört zu Deutschland. Wenn es eines Beweises bedurft hätte, dass der Präsident mehr sein kann als ein Staatsnotar, dann dieses Credo Christian Wulffs. Denn wenn der Mann an der Spitze nichts zu melden, aber alles zu unterschreiben hat, hätt sich ja keiner grämen müssen wegen dieser Banalität. Aber ein wie beiläufig gesagter Satz – und plötzlich erschien die Alltagswelt zwar nicht in ganz neuem Licht.
Dass der Islam zu Deutschland gehörte, hatte schon jedem Nichtpräsidenten beim Stadtspaziergang auffallen können. Aber so von höchster Stelle angesprochen, ohne es dekretieren zu können, wurde die simple Tatsache vom zivilgesellschaftlichen Unbewussten ins staatspolitische Bewusstsein gerückt.
Vergisst man einmal kurz den symbolischen Schutt, den Wulff bei seinen Versuchen angerichtet hat, die Grauzone zwischen Politik und Wirtschaft zu verdunkeln, die in seiner Person kulminierte, dann zeigt sein politisch mutigster Satz das Präsidentenamt als eines der faszinierendsten der Republik: aus einem Zustand der Machtlosigkeit gesellschaftliche Veränderungen anzustoßen. Wer es richtig anstellt, kann im Schloss Bellevue Politik als angewandte Kulturwissenschaft betreiben: Macht durch Diskurs.
Dieses Experiment wird nicht überflüssig, weil es einer versuchte, dem das Gespür für die politischen Maßverhältnisse fehlte. Zwar wird das Gefühl für eine Würde, die keinen Preis hat, noch nicht dadurch wiederhergestellt, dass eine allzu sichtbar korrodierte Figur geht. Aber sie eröffnet unkorrumpierten Kandidaten eine neue Chance.
Deshalb sollten die Parteien jetzt niemand aus dem Hut zaubern, der aus Gründen des gefühlten Staatsnotstands zu irgendeiner steifen Amtswürde zurückkehrt. Sondern jemanden, der sich traut, die real existierenden Verhältnisse herauszufordern. In Sprache, Symbol, ja Spiel.
Ingo Arend
Kommentar erschienen in taz 17.02.2012
ShareDebatte um Krachts „Imperium“
von Jörg Magenau in Gesellschaft am 16. Februar 2012
Mehr brav als braun
Debatte? Wirklich? Es geht doch eher um Narzissmus als um Nazis. Aber wie demokratisch die platzanweisende Kritik ist, lohnt dann doch zu diskutieren.
Christian Kracht und seinen Roman “Imperium” muss man nicht verteidigen. Das ist bereits flächendeckend geschehen. In FAZ, SZ und anderen Blättern wurde der Vorwurf zurückgewiesen, den Spiegel-Autor Georg Diez gegen diese eher brave als finstere Parodie auf Kokosnuss-Kolonialismus und deutsche Aussteigerträume erhob.
Vor allem aber richtete er sich ja gegen Kracht selbst, den Diez als “Türsteher der rechten Gedanken”, ja als eine Art Edelrassist und Demokratiefeind darstellte.
Also Schluss mit dem, was Debatte zu nennen doch reichlich übertrieben wäre. Denn es geht dabei weniger um Aufklärung als um Aufmerksamkeitsgewinn, weniger um Nazis, als um Narzissmus – und das ist naturgemäß immer der eigene. Dass ein Kiepenheuer & Witsch-Autor (Diez) gegen einen anderen (Kracht) zu Felde zieht, ist eine Bizarrerie am Rande. Zum Rest des Beitrags »
ShareGerhard Richter – Grundlagenforschung
von Ingo Arend in Gesellschaft, Kolumnen & Blogs, Rundgang am 15. Februar 2012
Die Selbstbefragung der Malerei
Mit seinem gemalten Zweifel an der Darstellbarkeit der Welt ist Gerhard Richter zu dem „Alten Meister“ geworden, der er nie sein wollte. Die Ausstellung „Panorama“ in der Nationalgalerie gibt einen Überblick über sein Lebenswerk.
Alte Meister. Was für ein Wort. Wer sich an die Ehrfurcht gebietende Vokabel erinnert, mit der eigentlich die religiösen Maler des 14. bis 18. Jahrhunderts bezeichnet wurden, reibt sich verwundert die Augen, wie nun ausgerechnet ein Maler wie Gerhard Richter in diesen zwiespältigen Rang erhoben werden konnte.
Gut, der Künstler ist inzwischen 80 Jahre alt geworden. Doch sieht man von dem Geburtsjahr 1932 ab, prasselte das wurmstichige Prädikat in der vergangenen Woche ausgerechnet auf einen Mann ein, der so ziemlich das genaue Gegenteil von einem dieser Meister ist. So sehr wollte er „so sein, wie alle sind“. Deshalb unterläuft er mit fröhlicher Lakonie jede Bohemien- oder Genieprojektion. Als seine frühere Frau, die Bildhauerin Isa Genzken, 1983 einen ihrer glänzenden Hyperbolos „Meister Gerhard“ nannte”, war das ironisch gemeint. Warum ihn also zu einem „Meister aus Deutschland“ erhöhen? Zum Rest des Beitrags »
ShareAlexander Kluge zum 80.
von Ingo Arend in Gesellschaft, Leben am 14. Februar 2012
Die Erfahrung bildet Narbengewebe
“Geschichte und Eigensinn.” Als 1981 das berühmte Buch von Oskar Negt und Alexander Kluge erschien, war das eine irritierende Erfahrung. Nicht nur wegen der Mischung aus Fragment und Assoziation, mit der die beiden das Buch konstruiert hatten. Oder weil sie ihre voluminöse Geschichtsphilosophie so schön schlicht und untertreibend “Gebrauchsbuch” nannten. In dem sich seltsam provisorisch klingende Weisheiten fanden wie: “Alles wirklich Brauchbare besteht in Aushilfen.”
Auch die subjektive Attitüde des Titels klang mehr nach juveniler Renitenz denn nach objektiver Kategorie. Doch Vokabeln wie “Wunschökonomie”, “Mikrophysiken der Gegenmacht”, “Beziehungsarbeit”, vor allem aber das Zauberwort “Produktivkraft Phantasie” eröffneten den Freunden systematischer Gesellschaftsverbesserung ungeahnte neue, weil kulturelle Perspektiven: die nämlich, das heikle Unding “eigene Subjektivität” in das Nachdenken über Geschichte einzubeziehen, ohne bloß sentimental zu werden. Zum Rest des Beitrags »
ShareNeue Folgen „Danni Lowinski“
von Ines Kappert in Gesellschaft am 13. Februar 2012
Beherzte Freundin des Dosenbiers
„Danni Lowinski“ fräst sich durch neue Folgen menschlichen Versagens – und sie improvisiert. Sie ist weder perfekt noch einsam, sondern prima.
Viel kann sich der vernunftbegabte Mensch ja im deutschen Fernsehen nicht ansehen, ohne sich für die Dummheit der Programmverantwortlichen fremdschämen zu müssen. Die Sat.1-Serie „Danni Lowinski“ bestätigt diese Regel als Ausnahme. Wie konnte sich diese unbiedere Frauenstory ins Abendprogramm verirren? Keine Ahnung. Schön ist es trotzdem.
Zielsicher fährt die Titelheldin gleich zu Beginn der dritten Staffel die Rolltreppe des Lebens mal wieder, na klar, nach unten. Dabei war die Selfmadewoman aus dem Plattenbau guter Dinge, dass sie es als Kleinunternehmerin endlich schaffen würde. Doch jetzt hat sie einen Steuerprüfer am Hals, und der nimmt es genau mit ihren Bewirtungsbelegen bei McDonald’s. Schlampig zu sein ist für Geringverdiener keine gute Idee. „Jetzt gehste duschen und dann reißte dich zusammen“ – die Mittdreißigerin redet selten mit sich selbst, aber jetzt ist es nötig. Sie ist bankrott. Zum Rest des Beitrags »
ShareDeutsches Guggenheim wird geschlossen
von Ingo Arend in Gesellschaft am 9. Februar 2012
Das Deutsche Guggenheim in Berlin wird geschlossen. Es war eines der avanciertesten Ausstellungshäuser für zeitgenössische Kunst in ganz Deutschland.
“Gesellschaftliche Verpflichtung”, “Corporate Citizen” – mit großen Worten sparten Thomas Krens, Hilmar Kopper und Rolf Breuer vor 15 Jahren nicht, als sie ein ungewöhnliches Kind aus der Taufe hoben. An Berlins Unter den Linden richteten die New Yorker Solomon R. Guggenheim Foundation und die Deutsche Bank in deren Stammsitz die Deutsche Guggenheim ein.
Dem neuen Kunsthaus begegnete die Szene mit Skepsis. Schon die semantische Verschmelzung von Kunst und Kommerz galt als Sakrileg. Sie schien auch die Inkarnation des “Guggenheim-Prinzips”, jenem weltweiten Trend der neunziger Jahre, das Museum zum Global Player zu verwandeln, der sich – wie in Bilbao – ein kulturelles Weltreich schafft, indem er die Kosten auf Dritte abwälzt und die Gewinne einstreicht. Zum Rest des Beitrags »
ShareWulff und kein Ende
von Jörg Magenau in Gesellschaft am 9. Februar 2012
Ich kann es nicht mehr ertragen. Ich kann den Namen Christian Wulff nicht mehr hören. Ich schalte sofort ab, wenn von Bobbycar, Upgrade, Nordsüddialog, Tattoo, Anrufbeantworter, zinsgünstigem Kredit, guten Freunden oder von Orten wie Hannover, Großburgwedel und neuerdings sogar Sylt die Rede ist. Unerträglich ist sogar das ehrenwerte Wort Rücktritt geworden. Der Bundespräsident wird es auch dann nicht in den Mund nehmen, wenn sich herausstellen sollte, dass er 2007 auf Sylt ein Fischbrötchen gegessen hat, das mit Gurke und Zwiebelringen luxuriöser belegt war als üblich. Das Allerunerträglicheste an dieser unerträglichen Geschichte ist aber ihre abgrundtiefe Mickrigkeit und ihre tendenzielle Unabschließbarkeit. Die Vorwürfe sind ja in etwa so billig wie der ganze Mann und diese ganze Bausparkredit- und hier ein kleines Extra und dort ein nettes Bonüsschen-Mentalität auf allenfalls mittlerem Wohlstands- und Verwöhnniveau. Sich damit wochen- und monatelang beschäftigen zu müssen ist eine einzige Beleidigung.
Und es geht immer weiter. Jetzt sind offenbar die Anwälte des Präsidenten damit beschäftigt, seine Vergangenheit nach von guten Freunden beglichenen Hotelrechnungen zu durchforsten. Ein guter Freund ist sogar persönlich nach Sylt gereist, um den dortigen Hotelangestellten Schweigen aufzuerlegen, und so dem Amigo-Verdacht entgegenzuwirken, der doch nun wahrlich als sich verdichtender Gesamteindruck nicht mehr restlos aus der Welt zu schaffen ist. Zum Rest des Beitrags »
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