Another Year (Mike Leigh)
von Peter Claus in Film, Filmspiegel, Kolumnen & Blogs, Kritik am 25. Januar 2011
Der Engländer Mike Leigh hat sich über die Jahre als Chronist des Lebens der sogenannten kleinen Leute, vornehmlich aus der Arbeiterklasse, einen Namen gemacht. Seine grüblerischen Sozialporträts waren oft von tiefem Pessimismus geprägt. Vor drei Jahren sorgte er dann mit der lauten Farce „Happy-Go-Lucky“ für eine Überraschung. So ausgelassen, fröhlich, optimistisch wie dieses Porträt einer hoffnungslosen Optimistin war keiner seiner Filme zuvor gewesen.
„Another Year“ nun verknüpft das Grüblerische und das Ausgelassene perfekt. Mike Leigh zeigt Szenen der Ehe von Tom (Jim Broadbent) und Gerri (Ruth Sheen) im Klang der vier Jahreszeiten. Verschiedene Gäste, darunter der Sohn der Beiden, und deren Geschichten dominieren den Reigen. Am Ende steht eine Beerdigung. Kurz: Der Film erzählt ein Nichts an Story. Aber, wie er das tut!
Heititei wird nicht geboten. Das Entscheidende: die unzerstörbare Liebe von Tom und Gerry, ihr Vertrauen zueinander, die Unerschütterlichkeit ihres Zusammengehörigkeitsgefühls. Dass er sie zu Helden macht, zeugt von einem erstaunlichen Optimismus: Glück ist haltbar, so die unaufdringliche Botschaft. Um die Zwei gibt’s kleine und große Katastrophen. Das Paar wankt und schwankt nicht in seiner schönen Gelassenheit.
Die zauberhafte Ausstrahlung des Films, der einen überaus beschwingt und heiter entlässt, kommt im Wesentlichen von den Schauspielern, die Mike Leigh zu Höchstleistungen geführt hat. Die zwei strahlen eine Liebenswürdigkeit aus, die man als Geschenk empfindet. Man hätte sie gern als Freunde.
Es wird noch in den kleinsten Rollen exzellent gespielt. Lesley Manville als eine der Besucherinnen, brilliert im Part einer tragischen Figur. Sie spielt eine Frau, die sich selbst so sehr in ihre eigenen Lebenslügen verstrickt hat, dass sie unentwegt im Aus landen muss. Am Ende, im Winter, sitzt sie zusammengesunken, ein Häufchen Elend tatsächlich, bei Tom und Gerry. Was sich da nur in den Augen von Lesley Manville abspielt, ist schlicht meisterlich. Da wird das Bittere greifbar, das die Süße des Zusammenseins der Hauptfiguren erst so recht zur Geltung bringt.
Getragen von Weisheit, die auf althergebrachten Säulen wie Würde und Nächstenliebe ruht, und getönt von leise-hintergründigem Humor, wird dieser Ausflug in Nichts als das ganz banale Leben zu einem Glanzstück der Kinokunst für alle, die es anspruchsvoll auf unterhaltsame Art mögen.
Peter Claus
Another Year, Mike Leigh (Großbritannien 2010)
Bilder: Prokino
ShareTron – Legacy (Joseph Kosinski)
von Peter Claus in Film, Filmspiegel, Kolumnen & Blogs, Kritik am 25. Januar 2011
„Tron“, fast vor 30 Jahren herausgekommen, gilt als Meilenstein des Computerkinos – in visueller Hinsicht. Das Publikum reagierte dennoch zurückhaltend. Die erzählte Geschichte war einfach zu dünn. Regiedebütant Joseph Kosinski bietet nun eine Fortsetzung in modischem 3D. Und wieder gibt es Bilder, die dem Kino eine neue Dimension zu verleihen scheinen. Leider aber gibt es erneut eine arg dünne Story.
1989 verschwindet Kevin Flynn (Jeff Bridges), ein erfolgreicher Computerspiel-Designer. Sein kleiner, gerade mal sieben Jahre junger Sohn bleibt allein zurück. Zwanzig Jahre später arbeitet dieser Sam (Garrett Hedlund) als Datendieb.
Der Zufall führt ihn zu einem Computer, mit dessen Hilfe er in eine Welt dringt, in der er seinem Vater und einem nach dessen Ebenbild geschaffenen Klon begegnet. Genau gegen den müssen Vater und Sohn nun kämpfen. Denn der Klon ist das Böse an sich.
Optisch ist das ein Leckerbissen für alle, die sich gern an künstlich geschaffenen Lebensräumen erfreuen. Die Tiefenwirkung der Bilder, das A und O für 3D-Filme, ist schlichtweg brillant. Ein Augenschmaus. Klugerweise werden die Anfangssequenzen in der Realität ohne Dreidimensionalität geboten, was den 3D-Effekt dann wirklich aufwertet. Nur die Story ist ermüdend gleichförmig. Ist erst einmal alles an Figurenkonstellationen und Konflikten gesetzt, passiert nicht mehr viel, was man nicht vorausahnt. Da mühen sich die Schauspieler redlich, Pep konnten sie dem Ganzen nicht geben. Überflüssig.
Peter Claus
Tron: Legacy, Joseph Kosinski (USA 2010)
Bilder: Walt Disney
ShareBrothers (Jim Sheridan)
von Peter Claus in Film, Filmspiegel, Kolumnen & Blogs, Kritik am 25. Januar 2011
Gibt es noch Neues über den Krieg zu erzählen? Der Ire Jim Sheridan liefert das Hollywood-Remake des dänischen Anti-Kriegs-Dramas gleichen Titels aus dem Jahr 2004 von Susanne Bier – und er erzählt Neues. Im Zentrum stehen der Armeeangehörige Sam (Tobey Maguire) und seine Frau Grace (Natalie Portman). Zusammen mit ihren zwei Kindern leben sie bescheiden und zufrieden. Eine Idylle. Sams Vater Hank (Sam Shepard), ein Vietnam-Veteran, ist stolz auf das, was sein Sohn erreicht hat. Besonders glücklich macht ihn, dass Sam nun seinen schon vierten Afghanistan-Dienst antreten kann. Der Krieg in der Ferne ist allen nichts als harmlose Routine. Störend ist nur eins bzw. einer: Sams jüngerer Bruder Tommy (Jake Gyllenhaal). Der wurde gerade aus dem Knast entlassen. Ein Tunichtgut. Ein Bankräuber. Für den Vater existiert er eigentlich gar nicht mehr. Aber das ist zu verschmerzen. Dann aber kommt eine furchtbare Nachricht. Sam ist in Afghanistan umgekommen. Die Familie stürzt in ein psychisches Trauma. Nur Tommy bleibt handlungsfähig. Er versucht, die Stelle seines Bruders einzunehmen. Dabei zeigt er eine ungewöhnliche Sensibilität. Grace beginnt, so etwas wie Liebe für ihn zu empfinden. Gibt es eine erneute Chance auf Glück? Es gibt sie nicht. Denn Sam lebt. Er kam nicht um, sondern wurde zusammen mit einem Kameraden von Taliban verschleppt und gefoltert. Die Geschichte bleibt im ganz Privaten vom Grauen des Völkermordens gezeichnet. Zum Rest des Beitrags »
ShareLudwig Lewisohn: Der Fall Crump
von Jörg Magenau in Kritik, Literatur am 25. Januar 2011
Dieses Buch ist ungerecht, einseitig, wütend und in seiner Konzentration auf das Hässliche im Menschen kaum zu ertragen. Von einem „Roman-Dokument des Lebens als Ehehölle“ sprach Thomas Mann, als Ludwig Lewisohns „Der Fall Crump“ 1928 zum ersten Mal auf Deutsch erschienen ist.
Ein Roman zwar, sagte Thomas Mann, aber einer, der erahnen lässt, dass es um „krasse, ungeträumte Wirklichkeit“ geht und der „einem Schrei verzweifelt ähnelt“ – nun gibt es eine neue Übersetzung.
Tatsächlich fragt man sich, welches Ehe-Grauen jemand durchgemacht haben muss, um so ein Buch zu schreiben. Es handelt vom Leidensweg des jungen Musikers Herbert Crump, der vor einer großen Zukunft als Komponist steht. Ein Künstlerroman könnte so beginnen. Dann aber tritt Anne auf, verheiratet, drei missratene Kinder und 20 Jahre älter als er. Zum Rest des Beitrags »
ShareWilliam Boyd: Nat Tate. Ein amerikanischer Künstler 1928-1960
von Ingo Arend in Kritik, Literatur am 23. Januar 2011
1973 erschien in der kunsthistorischen Reihe “Idea Art” ein Text mit dem Titel “The Fake as More”. Die dreiseitige Abhandlung handelte von dem Künstler Hank Herron, der mit Repliken von Frank Stellas Gemälden in einer typischen New Yorker Galerie debütierte. Cheryl Bernsteins hochgestochene Rezension – so hieß die Autorin – wurde in der Kunstwelt interessiert auf- und für bare Münze genommen. Bis sie dreizehn Jahre später von dem Kunstkritiker Thomas Crow als Erfindung “enttarnt” wurde. Geschrieben hatte den Text nämlich die Kunsthistorikerin Carol Duncan. Ihr Ziel, ein paar grundlegende Mechanismen des Kunstbetriebs offen zu legen, war aufgegangen.
Ganz so neu ist die Idee des fiktiven Künstlers also nicht, die der britische Romancier William Boyd mit seinem fünften Roman 1998 vorlegte. Mit der jetzt ins Deutsche übersetzen „Biografie“ von Nat Tate, einem unbekannten Mitglied der New York School, jener legendenumwitterten Gruppe der amerikanischen Neoexpressionisten, befindet sich der 1952 geborene Autor in bester Gesellschaft. Auch ihm gelang es mit diesem „Werk“ geradezu prototypisch, die Szene an der Nase herum zu führen. Zum Rest des Beitrags »
ShareMarquis (Topors Tierleben)
von Wenzel Storch in Film, Filmspiegel, Kolumnen & Blogs, Kritik 2011
Was ein Cocker Spaniel mit der Geburt der Freiheit zu tun hat, erklärt uns ein belgischer Tierfilm. “Marquis” von 1989 ist nun erstmals auf DVD erschienen
Es waren einmal zwei Igel
Die hatten einander so lieb
Da fuhren sie in den Urlaub
Mit ihrem Jeep
Hans Paetsch, “Sommer der Liebe”
Der Gouverneur der Bastille, Gaëtan de Preaubois, ist das, was man ein Sackgesicht nennt. Vielleicht liegt’s an den ausgeprägten Kehllappen, an denen er gelegentlich zurrt wie an den Zapfen einer Kuckucksuhr – namentlich dann, wenn er sich, laut krähend, in den Schlund der resoluten Juliette ergießt. Die Szene, nicht unbedingt eine der schönsten des Films, hat mich frappant an meine Schulzeit erinnert.
ShareBlack Swan (Darren Aronofsky)
von Peter Claus in Film, Filmspiegel, Kolumnen & Blogs, Kritik am 19. Januar 2011
Schicke Leere
Was gab es nicht schon für wunderbare Ballettfilme, die hintergründig auch die Schattenseiten dieser Kunst beleuchteten?! „Die roten Schuhe“, ein Klassiker von 1948, fällt wohl jedem sofort ein. Auch „The Turning Point“ (1977). „Black Swan“ wird später einmal nicht zu den Titeln gehören, die einem spontan in den Sinn kommen, wenn’s um Tanzfilme geht. Regisseur Darren Aronofsky, der erst jüngst mit „The Wrestler“ als Meister subtiler Psychologisierung begeisterte, enttäuscht hier heftig. Daran ändert auch der Golden Globe als beste Schauspielerin für Natalie Portman nichts. Sie spielt eine junge Frau, die um jeden Preis als Ballerina Erfolg haben will und sich deshalb schlussendlich in einer Wahnwelt verliert. Karrieregeilheit, sexuelles Verlangen, Mutter-Tochter-Clinch, das Ausgeliefertsein einer Frau an Machoallüren – der Film reißt vieles an und führt nichts wirklich packend aus. Dazu kommt, dass eine Flut an Horrorfilmelementen die Handlung fast erstickt. Außerdem ist diese Handlung, wenn es um Ballett geht, nur unlogisch: Was da an Probenarbeit gezeigt wird, kann nie zu einer glanzvollen Premiere führen. Und zum überzogenen Ende gibt es auch noch eine höchst zweifelhafte Botschaft: Wenn Du etwas wirklich willst, opfere alles, selbst Dein Leben. Mit solchem Blödsinn sollte sich Herr Aronofsky einfach nur einsargen lassen, egal, wie kunstvoll er in Spiegelsälen fotografieren lässt, erst recht egal, wie gern er sich an blutenden Füßen von Tänzerinnen ergötzt. Irgendwie stellt sich der Eindruck ein, der gute Mann hasse das Ballett abgrundtief. Dann soll er doch lieber keinen Film drüber machen. Hass ist selten ein guter Ratgeber.
Peter Claus
Black Swan, Darren Aronofsky (USA 2010)
Bilder: Fox
ShareIm Alter von Ellen (Pia Marais)
von Peter Claus in Film, Filmspiegel, Kolumnen & Blogs, Kritik am 19. Januar 2011
Report einer Selbstbefragung
Die in Deutschland lebende, aus Südafrika stammende Regisseurin Pia Marais wurde durch „Die Unerzogene“ bekannt. Dieses Debüt brachte ihr vor drei Jahren beim Festival in Rotterdam gleich einen Preis. Darin entwirft sie über ein Gruppenporträt das vielschichtige Bild der westeuropäischen bürgerlichen Gesellschaft. In ihrem zweiten Spielfilm liefert sie erfreulicherweise keine Kopie. Diesmal entwickelt sie detailfreudig das Psychogramm einer einzelnen Frau, die an sich und an eben dieser Gesellschaft zweifelt
Sonderlich aufregend klingt das Sujet nicht: Eine Frau am Rande des Nervenzusammenbruchs. Gab’s schon x-Mal. Pia Marais aber macht daraus eine spannende Studie über die Verlorenheit des Einzelnen in der durch die Globalisierung neu gestalteten Welt.
Die französische Star-Schauspielerin Jeanne Balibar verkörpert die Frau aus dem Titel, Ellen, eine Stewardess. Als sie von ihrem Freund verlassen wird, stürzt die 40-Jährige in tiefe Verzweiflung. Spontan verlässt sie ihr bisheriges Leben, auch den Job als Stewardess. Sie streunt herum, im wirklichen und im übertragenen Sinn. Schließlich landet sie in einer leicht anarchistisch angehauchten Kommune von Tierschützern. Sie selbst ist wohl die letzte, die glaubt, dass sie hier Erfüllung findet. Oder vielleicht gerade hier? Diese Frage sorgt äußerlich für eine gewisse Spannung. Entscheidender aber ist, wie die innere Wandlung Ellens gezeigt wird. Die Regie lässt sich Zeit, geht sehr behutsam voran, beobachtet meist aus einer gewissen Distanz. Das bewahrt die Figur der Ellen davor, zur Heldin stilisiert zu werden. Bedauernd anzumerken ist, dass einige Szenenfolgen im Milieu der Tierschützer zu ausgedacht anmuten. Doch das strenge, schnörkellose Spiel von Hauptdarstellerin Jeanne Balibar fesselt durchweg und lässt kleine Schwächen des Drehbuchs übersehen. Gerade die Zurückhaltung im Spiel von Balibar hält das Interesse des Zuschauers wach, zwingt ihn, genau hinzusehen und hinzuhören. Ein bisschen ist das, wie bei einem guten Vortrag: Hat er Gehalt, müht sich das Auditorium darum, kein Wort zu verpassen, wie leise ein Redner auch sprechen mag.
Neben der Hauptdarstellerin besticht die Gestaltung, insbesondere die optische. Ellens Zweifeln an der Welt und an sich selbst spiegelt sich konturenscharf in Bildern, die die Leere eines ganz aufs Materielle ausgerichteten Lebens bloß legen. Für Action-Fans ist das nichts. Für alle, die Filme schätzen, in denen nicht alles erklärt wird, da erst die Erfahrungen des einzelnen Zuschauers die Geschichte abrunden, ist der Film überaus zu empfehlen.
Peter Claus
Im Alter von Ellen, Pia Marais (Deutschland, Frankreich 2010)
Bilder: RealFiction
Share72 Stunden (Paul Haggis)
von Peter Claus in Film, Filmspiegel, Kolumnen & Blogs, Kritik am 19. Januar 2011
Pop-Corn-Kino mit Schmackes
Russell Crowe sorgt für vollen Kassen. Der australisch-neuseeländische Schauspieler garantiert Profit. Er hat, was einst die großen Hollywood-Stars auszeichnete: Charisma. Damit macht er noch aus dem dünnsten Film vielleicht nicht immer ein Ereignis, aber doch Sehenswertes. Zuletzt war es ihm zu danken, dass „Robin Hood“ nicht gnadenlos unterging.
Auch dieser Action-Reißer lebt ganz von seiner Präsenz. Die Story ist hanebüchen dünn: Lara Brennan (Elizabeth Banks) wird, obwohl offenkundig unschuldig, als Mörderin zu lebenslanger Haft verurteilt. Gatte John (Russell Crowe), ein braver Lehrer, dreht durch. Er beschließt, sie aus dem Knast zu befreien. Drei Tage hat er dafür Zeit. Der Erfolg ist äußerst fraglich.
Neben Russell Crowe lockt der Name des Regisseurs und Drehbuchmitautors, Paul Haggis. Er ist der erste Autor, der in zwei aufeinander folgenden Jahren den „Oscar“ für das beste Originaldrehbuch bekam, nämlich 2005 für „Million Dollar Baby“ und 2006 „L.A. Crash“. „72 Stunden“ nun ist kein originaler, von ihm entwickelter Stoff. Er hat das Buch des französischen Krimis „Ohne Schuld“ (2008) bearbeitet. Offenbar reizte es ihn, Gespür für Spannungsmache auszustellen.
Der Schlichte von Gut gegen Böse gibt den Ton an. Laras Unschuld wird nie in Frage gestellt. Also ist auch John im Recht. Da Russell Crowe die Figur als grundehrlichen Kerl charakterisiert, den nichts als die Liebe antreibt, bangt man als Zuschauer schnell mit. Denn wer wollte nicht aus Liebe zum Held werden?! Johns Ausarbeitung des Plans und dessen Ausführung sorgen für Thrill. Russell Crowe heizt den an, indem er sehr zurückhaltend agiert. Seine Darstellung ist von großem Reiz. Er beherzigt, dass weniger oft mehr ist und drückt nicht auf die Tube. Damit schenkt er der Figur des John eine große Glaubwürdigkeit. Er macht den Film zum Lehrbeispiel dafür, dass die Kunst des Schauspiels auch weniger kunstvollen Kinoprofitmaschinen zu Wirkung verhelfen kann.
Wobei auch Paul Haggis einige Pluspunkte sammelt, besonders im Finale. Die Inszenierung einer harschen Verfolgungsjagd ist rundum geglückt. Drehbuchautor Haggis knüpft dabei geschickt an den Filmbeginn an. Dort wird angedeutet, dass John in eine tödliche Zwangslage gerät. Wieso und wann, löst erst das Filmende – und bietet Action-Fans damit ein reines Vergnügen.
Peter Claus
72 Stunden, Paul Haggis (USA 2010)
Bilder: Kinowelt
ShareMorning Glory (Roger Michell)
von Henryk Goldberg in Film, Filmspiegel, Kolumnen & Blogs, Kritik am 17. Januar 2011
Die Leute sind wir
„Die Hälfte der Zuschauer hat nur die Fernbedienung verloren. Die andere Hälfte wartet auf den Pfleger, damit sie umgebettet werden.“ Betty ist die neue Produzentin des so beschriebenen Frühstücksfernsehens . Und lässt ihre Leute alles tun für die Quote, Frösche küssen und so. Eigentlich mögen wir solche Leute nicht, aber Betty mögen wir. Dafür ist Mike, der den Schwachsinn nicht mag, “der drittschlimmste Mensch der Welt”.
Mediensatire, das im Zusammenhang mit „Morning Glory“ gelegentlich verwendete Wort, muss ein Missverständnis sein. Dieser Film von Roger Michell, dem wir das wunderhübsche „Notting Hill“ verdanken, schaut sich an wie die heitere Imagewerbung einer privaten Fernsehanstalt, die gerade die letzten seriösen Informationen aus dem Programm gekegelt hat und dafür nun lustig um Verständnis wirbt. Zum Rest des Beitrags »
ShareNicole Krauss: Das große Haus
von Jörg Magenau in Kritik, Literatur am 17. Januar 2011
Schreibtisch mit Geheimfach
Nicole Krauss’ Roman „Das große Haus“ hat viele Zimmer und steckt voller ergreifender Geschichten
Das große Haus, so hieß vor 2000 Jahren die Schule des Rabbi Jochanan ben Zakkai. Sie entstand nach der Zerstörung Jerusalems und bot denen, die ihre Heimat verloren hatten, eine neue Form der Zugehörigkeit. Die Antwort des Rabbis auf die Diaspora lautete: „Verwandle Jerusalem in eine Idee. Verwandle den Tempel in ein Buch, das so groß, so heilig und so komplex ist wie die Stadt selbst“ – und versammle darum herum das Volk. Zum Rest des Beitrags »
ShareSighart Neckel: Kapitalistischer Realismus. Von der Kunstaktion zur Gesellschaftskritik.
von Ingo Arend in Kritik, Literatur am 14. Januar 2011
Als am 16. September 2008 die New Yorker Investment-Bank Lehman-Brothers zusammenbrach, fühlten sich nicht wenige an die Weltwirtschaftskrise am Ende der dreißiger Jahre des letzten Jahrhunderts in den USA erinnert. Ist der Kapitalismus jetzt am Ende? Das fragten sich damals viele. Gut zwei Jahre später ist die brisante Systemkrise fast vergessen. Das Ergebnis der jüngsten Wahlen zum amerikanischen Kongress, bei denen Sozialhilfeempfänger dafür gestimmt haben, den Wohlfahrtsstaat zu beschneiden und der Industrie Steuern zu erlassen, ließe sich mit dem Slogan übersetzen: Wir wollen unseren guten alten Kapitalismus wieder haben. Zum Rest des Beitrags »
Das rote Zimmer (Rudolf Thome)
von Peter Claus in Film, Filmspiegel, Kolumnen & Blogs, Kritik am 11. Januar 2011
Ballade vom unbezahlbaren Wert der Liebe
Ein hinreißender Film von Autor-Regisseur Rudolf Thome
Rudolf Thome stammt aus dem vorigen Jahrhundert. Er ist der Sohn eines Buchhändlers. Dazu konnte er auch noch eine fundierte Bildung genießen. Der inzwischen 71-jährige hat beispielsweise Philosophie und Geschichte studiert. Und, last but not least, er hat den letztlich kläglich lächerlichen Versuch des bundesdeutschen Aufbruchs der so genannten 68-er zu neuen gesellschaftlichen Ufern miterlebt. Da darf es einen nicht wundern, dass dieser Mann kluge, schöne Kunstwerke schafft, getragen von dem Wissen um die Vergänglichkeit allen Menschlichen, getrieben, so scheint’s, immer auch von den Sehnsucht danach, genau dieser Vergänglichkeit ein Schnippchen zu schlagen. Und immer voller Ironie. Zum Rest des Beitrags »
ShareMorning Glory (Roger Michell)
von Peter Claus in Film, Filmspiegel, Kolumnen & Blogs, Kritik am 11. Januar 2011
Ringelpietz mit Superstars
„Morning Glory“ verheizt die Schauspiellegenden Diane Keaton und Harrison Ford
„There’s no business like show business!“ – Die Hymne des New Yorker Broadways (aus dem Musical „Annie get your gun!“) wurde und wird von Hollywood gern illustriert. Dabei kam manch zeitlos Kluges und Bissiges heraus, etwa „All about Eve“ (1950) oder „Wag the Dog“ (1997). In letzter Zeit überwiegt Sentimentales, wie gerade erst „Burlesque“. Der britische Regisseur Roger Michell („Notting Hill“) kündigte „Morning Glory“ als satirischen Blick auf das US-amerikanische Fernsehen an. Leider hält es sich mit der Satire in Grenzen. Zum Rest des Beitrags »
ShareSatte Farben vor Schwarz (Sophie Heldman)
von Peter Claus in Film, Filmspiegel, Kolumnen & Blogs, Kritik am 11. Januar 2011
Die Beredsamkeit des Schweigens
Die Kraft der Stille
Ein Film zum Schwärmen. Und zum Staunen. Denn Regisseurin Sophie Heldmann, Absolventin der dffb, die auch am Drehbuch mitarbeitete, gibt hiermit ihr Spielfilmdebüt. Und das ist wahrlich glanzvoll.
Der Film lebt vom Spiel zweier Großer des deutschsprachigen Kinos, Senta Berger und Bruno Ganz. Beide sind seit rund einem halben Jahrhundert im Geschäft. Beide haben neben viel Durchschnittlichem (auch Stars müssen Miete zahlen!) immer wieder mit Herausragendem aufgewartet. Die Präsenz der Zwei ist enorm. Als Zuschauer lässt sich nicht entscheiden, wie viel davon der Inszenierung und wie viel dem Können der Schauspieler, vielleicht auch deren Erfahrung und Einfallsreichtum, zu danken ist. Letztlich ist das aber egal. Was zählt ist das Ergebnis. Und das begeistert.
Wie oft bei wirklich großen Spielfilmen ist die erzählte Geschichte relativ klein: Fred (Bruno Ganz) und Anita (Senta Berger) haben eine Tochter, einen Sohn und eine Enkelin. Materiell geht es ihnen gut. Es gab wohl mal Krisen, früher, doch man hat sich zusammengerauft. Die Zwei lieben sich, ganz einfach, ganz kompliziert. Die Krise kommt mit einer möglicherweise lebensbedrohlichen Krankheit Freds. Operation, ja oder nein? Anita ist fassungslos, dass er diese wichtige Frage allein beantworten will. Das Paar, seit Jahren in ruhigem Fahrwasser, gerät in einen heftigen Strudel von Nicht-Verstehen, Missachtung, Alleinsein-Müssen und Nicht-Können.
Senta Berger und Bruno Ganz beherrschen die Kunst, im Unausgesprochenen ungeheuer viel auszudrücken, mit geringstem körperlichen Einsatz in die Seelen der von ihnen verkörperten Figuren blicken zu lassen. Eine Wohltat! Allein die Blicke, die die Beiden tauschen, erzählen ganze Romane. Einmal etwa legt er ihr seine Pranke in den Nacken, als wolle er eine Katze kraulen oder vielleicht doch auch zur Räson bringen. Das leise Zucken, mit dem Senta Bergers Anita darauf reagiert, der Lidschlag, fährt einem als Zuschauer durch und durch.
Das Drehbuch von Sophie Heldman und Felix zu Knyphausen setzt auf die beiden Schauspieler und auf die Kraft der Bilder. Es gibt keine der hierzulande üblichen Dialogfluten. Wenn geredet wird, dann wird nichts erklärt, nichts gedeutet, dann sind die Worte absolut notwendig, um das Befinden der Protagonisten auszudrücken. Wunderbarerweise bleibt aber eben vieles ungesagt, unausgesprochen. Die Zuschauer werden ernst genommen, dürfen wirklich mitfühlen und mitdenken, dürfen sich ihre eigene Geschichte zusammenstellen.
Natürlich: Das ist nichts für Actionfans, auch nichts für Leute, die jede Nuance erklärt haben, jeden Konflikt gelöst haben müssen. Sie dürften sich in den langen Einstellungen und den vielen Großaufnahmen der Gesichter rettungslos verlieren. Erst recht dann im Ende der Geschichte, so wie der Film es aufblättert: Hier beweisen die Filmemacher einen verblüffenden Mut zur Irritation. Anspruchsvolle Kinobesucher, die in der Kunst immer auch eine anregende Reflexion der Wirklichkeit suchen, wird das beglücken.
Satte Farben vor Schwarz, Sophie Heldman (Deutschland 2010)
Bilder: farbfilm
ShareMartha
von Guido Rohm in Film, Im Labyrinth des GR, Kritik am 10. Januar 2011
Kleine Flucht
Schon, schon, sagt Anne, sie sagt es ohne Umschweife, sagt es gerade heraus, sie bläst den Zigarettenqualm über das Balkongeländer, während Reinhard die DVD in der Hand hält, sie anstarrend, begutachtend, um dann zu sagen, komm schon, meine Kleine, aber so nicht, sagt Anne, denn das erinnert mich an Martha, Martha, Martha, bläst Reinhard, ein guter Film, den willst du doch nicht mit uns und unserem Leben gleichsetzen, Anne wiegt den Kopf, oder doch, fragt Reinhard, zieht die Augenbrauen nach oben, steht noch immer mit der DVD in der Hand vor der halb geöffneten Balkontür, komm jetzt, komm gleich, sagt Anne, sie zieht eifrig an ihrer Zigarette, komm gleich, sagt sie, starrt auf ihre Fingernägel, aber solche Filme sieht sich doch heute keiner mehr an, außerdem, außerdem was, fragt Reinhard, außerdem erinnert mich Böhm an die Sissi-Filme, die kann ich dann nicht mehr unbeschwert gucken, Mistfilme, blökt Reinhard, Zum Rest des Beitrags »
ShareBurlesque (Steven Antin)
von Henryk Goldberg in Film, Filmspiegel, Kolumnen & Blogs, Kritik am 10. Januar 2011

Ein träges Film-Musical
Die intrigante Kuh zieht den Stecker und dann geht nichts mehr. Das Playback für die Tänzerin fällt aus. Doch dann tut Ali das Unerhörte: Sie singt selbst. Live is life. Und sie kann es, denn sie ist Christina Aguiliera. Doch was sie nicht können ist, die Atmosphäre der Bühne und der Garderoben des nostalgischen Revuetheaters in das Kino zu holen.
Möglicherweise geht die Sängerin Christina Aguilera in diesem Jahr auf Tour. Ursprünglich sollte diese Tournee zu ihrem Album „Bionic“ bereits 2010 stattfinden, doch blieben die Verkaufszahlen für das Album und die Nachfrage für die Tournee weit unter den Maßstäben eines Weltstars. Und genau das sieht man diesem Film an: Den Versuch, der stagnierenden Karriere eines Stars aufzuhelfen. Doch ob die Schauspielerin der Sängerin hier geholfen hat, das darf bezweifelt werden. Zum Rest des Beitrags »
ShareHerlinde Koelbl: Mein Blick – Fotografien
von Georg Seeßlen in Kritik, Kunst am 8. Januar 2011
Herlinde Koelbl: „Ich interessiere mich für Menschen. Aber es muss weitergehen als unter die Oberfläche. Das ist das ganze Geheimnis.“
Wie man den Körper sichtbar macht
Bemerkungen zu einer Herlinde Koelbl-Ausstellung
Fotografieren ist keine Kunst. Sondern Fotografie ist verschiedene Künste mit sehr unterschiedlichen Beziehungen zu Mensch, Raum und Zeit. Zu Dingen und zu Körpern. Zu Licht und Farben. Herlinde Koelbl ist eine Fotografin auf der Suche nach dem Lebensbild des Menschen. Sie will sichtbar machen was da ist, und sie will uns zusehen lassen, wie das gemacht und wie das geworden ist.
Der Körper beispielsweise. Der immer beides ist, ein Gegebenes und ein Gemachtes, eine biografische Bestimmung vor allem Diskurs, und eine gesellschaftliche Zuschreibung, der man mit immer mehr Möglichkeiten (und immer mehr Geld) entsprechen oder auch widersprechen kann. Zum Rest des Beitrags »
ShareÜber Sabrina Janesch und ihren Roman „Katzenberge“. Laudatio zur Verleihung des Mara-Cassens-Preises 2010
von Jörg Magenau in Gesellschaft, Kritik, Literatur am 8. Januar 2011
Erd-Kunde
Eigentlich war ich mir sicher, keine Romane mehr zu lesen, in denen Enkel von ihren Großeltern erzählen. Ich war fest entschlossen, mit dem Lesen sofort aufzuhören, falls irgendwo eine Großmutter sich auch nur schemenhaft zeigen sollte oder schlimmer noch: Großväter aus Ostpreußen oder Schlesien mit ihrer ganzen, traurigen Vertriebenengeschichte. Dabei habe ich überhaupt nichts gegen Großeltern und nichts gegen Vertriebene, doch es gab in den vergangenen Jahren einfach zu viele Romane, die davon handelten, als dass es mir als einem berufsmäßigen Leser möglich wäre, dessen nicht überdrüssig geworden zu sein.
Ich wollte nichts mehr wissen von Großmutterbriefen, die sich auf dem Dachboden finden, von Nazigroßväter oder Großvätern mit Nazienkel; bitte auch nichts mehr von auf Bahnhöfen zurückgelassen oder auf der Flucht in den Westen verlorenen Kindern, nichts mehr von Großeltern, die zufälligerweise nicht die Wilhelm Gustloff, sondern ein anderes Schiff bestiegen, nichts mehr von Fluchten übers zugefrorene Haff – und überhaupt:
Ist es nicht ein Elend mit der deutschen Geschichtsseligkeit, die sich lustvoll in der Vergangenheit wälzt und der kollektiven Schuld-Scham nun auch noch die Entdeckung des komplementären Opfertums hinzugefügt hat?
Und dann kam Sabrina Janeschs Roman „Katzenberge“, Zum Rest des Beitrags »
ShareE. L. Doctorow: Homer & Langley
Von Langley Collyer gibt es nur wenige Fotos. Das letzte stammt aus dem Jahr 1946, und er ähnelt darauf jenem Mann, für den er sich gern ausgab: Ein Erfinder, der seine Ausbildung zum Ingenieur an der Columbia University in New York erhielt. Der Welt ein wenig entrückt trug er lange Haare und setzte einen wissenden Blick auf. Der Schein trog jedoch. Der jüngere der beiden Brüder Homer und Langley, deren Geschichte E. L. Doctorow in seinem neuen Roman verwendet, war schwer krank. Er litt unter dem, was seit Ende des letzten Jahrhunderts als Vermüllungsyndrom beschrieben wird und in den meisten Fällen ein Symptom des Aufmerksamkeitsdefizits ADS ist. 1947 starben die beiden Brüder und hinterließen in ihrem riesigen Haus in Harlem weit über hundert Tonnen zumeist vollkommen wertlose Gegenstände. Ein Ford T war darunter, ein Dutzend Klaviere, ein Röntgenapparat und vor allem die Zeitungen aus den vergangenen Jahrzehnten. Sie stapelten sich in allen Etagen, dass sich die Deckenbalken bogen, die Ratten herzlich erfreuten und vermehrten und das ehemals teuer eingerichtete, schicke Haus des Gynäkologen Herman Livingston Collyer begonnen hatte einzufallen. Zum Rest des Beitrags »
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